Samstag, 18. Juli 2015

Der rote Mond Geburtstagsparty

Sie hat Geburtstag. Ist das nun was Tolles? Naja, jedenfalls ist es der Weg zur Freiheit, irgendwann ist sie 18, dann muss sie ja frei sein. Es klingelt leise in ihrem Hinterkopf: äußere Freiheit ist nicht gleich innere Freiheit. Den Gedanken will sie heute aber nicht denken, sie will den Tag genießen. Im Mittelpunkt stehen! Früher hatte sie Erlaubnis an diesem Tag im Mittelpunkt zu stehen. Das hat ihr den Tag versüßt. Beim Frühstück lag immer Flieder um ihren Teller. So schön! Sie durfte sich aussuchen, was es zu Essen gibt, solche Sachen. Das hat jetzt alles keine Bedeutung mehr. Das Geburtstagsgefühl ist nicht mehr groß. Sie muss selber was hermachen. Die Mädchen aus ihrer Klasse werden kommen und Corinna. Das wars.
Ihre treue Corinna kommt bald. Sie unterhalten sich und warten auf die Anderen. Das Warten wird lang, da kommt schon wieder Unsicherheit, ob die Mädchen sie wohl versetzen werden. Erika ist immer noch ängstlich und unsicher mit den Mädchen. Sie fühlt sich nicht fest verankert, sondern nur geduldet, das realisiert sie hier beim Warten mal wieder. Dieser Gedanke ist so unerträglich…. Immer nur geduldet sein…sich immer so anstrengen müssen….da gibt es kein gemütliches Abfläzen und sich bräsig in der Beziehung ausruhen….immer auf der Hut…sie muss immer was tun um Akzeptanz zu ergattern…das fühlt sich aber nie anhaltend an…da sind überall Fetttröge und Abgründe…
Mit Corinna ist das anders. Hier fühlt sie sich ganz aufgehoben, ganz erkannt. Sie spürt ihre Dankbarkeit. Aber, was soll sie tun? Corinna reicht ihr eben nicht. Sie kann das nicht erklären, auch sich selbst nicht. Sie kann es nur spüren. Mit Corinna ist alles gut, aber es ist nicht wichtig.  Dabei ist Corinna so freundlich, sie lässt sich auf Erika ein. Das Warten, die Unsicherheit wird so zum Thema. Sie gehen zusammen zum Gartentor und schauen die Straße hinunter in Erwartung der Mädchenclique. Während sie hier stehen und angestrengt versuchen die Mädchen mit den Augen herbeizuzaubern, unterhalten sie sich zum x-ten Mal über Erikas letzten Urlaub in Südtirol.
Nach den herausragenden Herbsttagen hatte Erika von ihrem Peter einen Brief bekommen. Den trug sie natürlich ständig bei sich, wie eine Trophäe. Immer wieder blätterte sie ihn vorsichtig auf, um ihn zu lesen (obwohl sie ihn natürlich längst auswendig konnte), oder auch um ihn nur anzuschauen, die Handschrift bewundern und so. Immer wieder suchte sie nach Liebeshinweisen in seinem Text, aber das brauchte sie ja gar nicht, der Brief an sich war der ultimative Liebeshinweis. So fuhr sie wieder voller Zuversicht und Vorfreude dorthin, sie fühlte sich sicherer als zuvor. Für Erika ein ungewohntes Gefühl. Sicherlich sehr angenehm, aber irgendwo seitlich nagte Zweifel, weil sie sich sicher fühlte. Der Urlaub verlief nicht anders als sonst: tagsüber wandern, abends unauffällig wegstehlen und die Zeit mit Peter genießen. Erikas ältester Bruder war diesmal dabei, sie schliefen in einem Zimmer, er deckte ihre Unternehmungen. Sie war ihm dankbar, genoss auch die Verschworenheit mit ihm. Er achtete darauf, dass sie morgens rechtzeitig aus dem Bett kam und beim Frühstück einen aufgeräumten Eindruck machte. Nachts war sie lange unterwegs, glückselig. Zum Ende des Urlaubs wurde ihre Müdigkeit immer bleierner. Den letzten Abend gestaltete Peter recht romantisch. Sie waren nur zu Zweit unterwegs, Zeit für Nähe, Vertrautheit, die Beziehung noch mal bestätigen, damit die kommende Trennungsphase besser überstanden wird. Aber Erika war so schrecklich müde. Die Zwei saßen im Auto, mit Blick über das weite Tal, nachts blinkten die Lichter da unten so hübsch, die Berge setzten sich behütend gegen den Nachthimmel ab. Nur Peter und Erika. Und Erika nickte ständig ein. Sie hat eigentlich kaum Erinnerung an den Abend, weil sie so fertig war.
All das ist Thema der Unterhaltung mit Corinna am Straßenrand, wie sie da stehen und angestrengt spähen. Eine Neuigkeit hat Erika noch zu Erzählen: sie hat schon wieder erfolgreich arrangiert! Ihr zweitältester Bruder, auch ein Südtirol-Begeisterter, wird im Sommer einige Tage mit seiner Verlobten dorthin fahren. Erika hat schon mal klar gemacht, dass sie in den Sommerferien zwei Wochen in Bayern bei der Familie der Verlobten zu Besuch ist. So kann sie mitfahren! Das ist bald, das ist aufregend, das ist viel wichtiger als Geburtstag haben.
 Komisch eigentlich, dass Fatma noch nicht da ist. Die wohnt doch nebenan. Die könnte wirklich selbstständig kommen. Wahrscheinlich hat sie sich wieder mit ihren Eltern angelegt, Hausarrest. Sie wird wohl gar nicht kommen, Schade. Aber so kann Erika Corinna mal den Platz einräumen, der ihr eigentlich zusteht. Langweilig, ohne Fatma, aber einfach.
Otto ist der Partymeister. Er organisiert tolle Treffen, auch ganz spontan. Bei ihm sind immer alle ganz aufgedreht, machen lustige Sachen und lassen sich richtig volllaufen. So soll das heute Abend auch werden. Erika hat das schon mehrfach probiert, es klappte bisher nicht, warum ist ihr nicht klar. Sie verhält sich entsprechend, sie ist immer ganz aufgedreht, versucht lustige Sachen zu machen und lässt sich ordentlich volllaufen. Solange sie noch geradeaus gucken kann, bemerkt sie, dass die Mädchen sich über die ewig gleichen Themen unterhalten und zurückhaltend an ihren Getränken nippen. Sie lassen sich nicht mitreißen, Erika muss alleine Party machen, die Anderen schauen zu, reserviert, dann gehen sie wieder nach Hause. Am Ende ist Erika betrunken und beschämt. Die Scham spürt sie nicht so richtig, weil sie ja betrunken ist. Sie will sie mitreißen, sie will Anführerin sein, sie will auch bewundert werden. Sie will wichtig sein. Das alles gesteht sie sich aber nicht ein. So wenig, dass sie es gar nicht weiß. Auch ihr Mittelpunktsstreben ist ihr nicht bewusst. Das alles macht ihren Antrieb aus und ist gleichzeitig tabuisiert. Erika meint, sie verhielte sich ziellosen, spontanen Eingebungen folgend. Möglicherweise ist ihr Verhalten für Andere durchschaubar, sogar vorraussehbar. Erika selbst kann sich so wenig sehen, dass ihr Verhalten sie überrascht, oft auch amüsiert. Sie hält sich für vielschichtig, vielleicht sogar tiefgründig.

Endlich ist es soweit. Ganz am Ende der Straße wird eine Gruppe Fahrradfahrer sichtbar. Sie kommen Alle zusammen. Kein Hereinplätschern und sich einzeln einlassen, nein, Alle zusammen. Das findet Erika doof. Sie hat noch etwas Zeit sich darauf einzustellen. Sie geht mit Corinna zurück zum Haus. Sie schenken sich ein Getränk ein und tun so, als hätten sie niemals gewartet, als es klingelt und sie die Tür öffnen.

Samstag, 11. Juli 2015

Der rote Mond Geld ist genug da

Abends um halb zehn sagt sie gute Nacht zu ihren Eltern, manchmal schon im Schlafanzug, dann geht sie in ihr Zimmer und zieht sich wieder an. Aus dem Fenster steigt sie auf den kleinen Sockel über dem Garagentor. Von dort sind es wenige bequeme Schritte zu ihrem Fahrrad. Wenn sie dann losfährt ist sie ihrer Freiheit ganz nah. Die Nachtluft ist kühl und frisch, sie ist in Bewegung, sie macht was sie will. Das Gefühl ist wunderbar, aber eigentlich müsste sie weiterradeln, denn wenn sie an der Kneipe ankommt, wird alles wieder ganz eng. Dort ist oft niemand mit dem sie gut auskommt. Eine Clique von Mopedfahrern ist fast jeden Abend da, die schneiden sie. Aber da möchte sie dazugehören. Wahrscheinlich möchte sie dazugehören weil sie geschnitten wird. Das treibt sie an, sie will sich wohl beweisen. Oder will sie Anerkennung, oder geliebt werden? Sie macht sich keine Gedanken über ihre Motive, sie macht einfach. Jetzt sitzt sie hier in der Kneipe, auf der Suche nach Anregung, oder Ablenkung, aber hier ist nichts aufregend. Nach Hause geht sie aber noch lange nicht. Sie trinkt Pernod-Cola, oder Bier, beides schmeckt ihr nicht. Eigentlich ist sie ganz gefangen. Ihre Möglichkeiten sind wenige, so vieles könnte peinlich enden. Aber sie bleibt, zu Hause wartet nur das Bett und die Schule morgen, sie könnte was verpassen, vielleicht kommt ja noch jemand.
Am liebsten würde sie hier mit Fatma sitzen. Das wäre lustig. Fatma hat immer lustige Einfälle, sie würden sich bestimmt köstlich amüsieren. Außerdem hätten sie die Aufmerksamkeit der Jungs. Erika ist da neidisch, das muss sie sich eingestehen. Fatma hat starke Wirkung auf Jungs, ok, ja, sie ist klein und schlank, aber das ist nicht alles. Fatma hat das, was Erika fehlt, dieses gewisse Etwas. Dabei ist sie nicht die Überschönheit. Es ist wohl eher ihr Verhalten. Sie macht knicks-knacks bei den Jungs, oder klingel-klingel. Erika kann das nicht sehen, aber sie weiß dass es passiert. Fatmas Mutter ist auch so. Eva, die ist ja schon 40, oder so. Also eine alte Frau, sie hat einen dicken Hintern, keine Schönheit.  Aber trotzdem ist immer noch erkennbar, dass sie sehr lebendig und sehr weiblich ist. Diese Eva, die geht Erika so richtig auf den Keks. Sie unterdrückt ihre Tochter, lässt Fatma kaum Luft zum Atmen, so sieht Erika das; und dann mischt sie sich auch noch überall ein. Ungefragt gibt sie Erika Tipps, wie sie sich ihrem Vater gegenüber verhalten soll. „Du musst ihm mal so richtig nett und mädchenhaft kommen, dann kannst du ihn um den Finger wickeln!“ Sagte sie kürzlich zu Erika. Erika konnte nur schweigend den Kopf schütteln. Die spinnt doch! Mädchenhaft! Die hat keine Ahnung! Annäherung ist völlig unmöglich! Jeder Schritt auf ihn zu macht verletzlich! Aber, aber! Manchmal, am Gartenzaun, oder so, treffen Eva und Erikas Vater aufeinander. Eva spricht ihn dann freundlich an, plinkert mit den Augen und verwickelt ihn in irgendein Gespräch. Erika hat das schon manchmal beobachtet. Ihr Vater ist dann toll. Er wird charmant, männlich und dabei auch warmherzig. Nachdem er sich verabschiedet hat macht er wieder zu. Dabei hat Fatmas Mutter, die Nachbarin, gar keine Bedeutung für ihn, sie drückt einfach nur auf einen Knopf. Erika kann diese Fähigkeit aber nicht anerkennen. Für sie ist Eva einfach eine saublöde Kuh, die ihre Tochter tyrannisiert. Fatmas Vater, Acar, kommt bei Erika nur wenig besser weg. Acar, was für ein schöner Name. Aber meistens wird er Atscha ausgesprochen, naja, unwichtig. Atscha ist der Obertyrann, findet Erika. Wie er die Gratwanderung zwischen den beiden Kulturen begeht, bleibt ihr verschlossen. Sie hat nicht nur den rein deutschen Blick, sondern sie ist überlagert von ihrer Freiheits Fata Morgana. Eltern sind für sie grundsätzlich Einenger. Mit denen geht man keine Beziehung ein. Das sind die Feinde. Meistens.

Fatma zeigt manchmal  einen differenzierten Blick auf ihre Eltern. Dann ist Erika verwirrt. Das ist unmöglich. Bei ihr gibt es nur gut=ihre eigene Mutter und böse=Vater und viele andere Eltern. Erika findet sie hat einen tollen Weg gefunden ihren Vater fertig zu machen, ohne dass er es weiß. Abends wenn er die Nachrichten im Wohnzimmer guckt, schleicht sie sich in sein Bürozimmer. Sie weiß schon lange wo sie seine Brieftasche im Schreibtisch suchen muss. Sie schlägt sie auf, schaut wieviele Scheine darin sind und nimmt sich dann das, wovon sie meint, dass es ihr zusteht. Manchmal nimmt sie 50 Mark manchmal nur 10, es soll ja nicht auffallen. Früher, als sie klein war, erlebte sie, dass ihr Vater brüllend aus dem Büro hervorkam: „mir fehlen 50 Pfennig! Wer hat mir 50 Pfennig geklaut?“ Naja, das ist schon wieder zehn Jahre her. Ihr Vater ist alt geworden. Eigentlich war er schon alt, als sie geboren ist. Aber jetzt ist er richtig alt. Er hat nicht mehr den Überblick wie früher. Erika kann sich mit dem regelmäßigen Diebstahl mehrere Wünsche erfüllen. Sie kann ihren Vater verletzen. Sie kann sich rächen. Sie hat genug Geld. Das mit dem Geld ist ja auch lustig. Ihre Mutter kommt öfter mal zu Erika, um sich Geld zu leihen. Nicht für sich, es ist anders. Erikas Brüder gehen zur Mutter und fragen nach Geld, wenn sie klamm sind. Die Mutter kommt dann zu Erika. Erika ist großzügig, sie geht zu der kleinen Vase, in der sie das geklaute Geld aufbewahrt, zieht einige Scheine hervor und hält sie der Mutter hin. „Reicht das?“ Fragt sie dann. Die Mutter nimmt das Geld und trägt es zum Bruder. Die Sache ist doch irrsinnig. Erika hat keinen Schülerjob, oder so. Dazu wäre sie viel zu faul. Sie bekommt Taschengeld von ihrem Vater, der als Geizknochen bekannt ist. Erikas Mutter nimmt das Geld, fragt aber nie, wo es herkommt. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. So sagt man.

Montag, 6. Juli 2015

Der rote Mond Mädchenliferant

Wie so oft sitzt sie in ihrem Zimmer, tatenlos, beschäftigt mit ihrer Befindlichkeit. Die Hausaufgaben sind aufgeschlagen, sie hat sich kurz damit abgegeben, nun gibt sie sich der üblichen Verweigerung hin. Sie ist gelangweilt und überlegt zum Bäcker zu gehen, was Süßes könnte helfen. Vor ihrem inneren Auge tanzen Rumkugeln und Mandelhörnchen, in ihrem Ohr läuft die Platte vom großen Bruder: „du bist zu dick, du bist zu dick!“ Sowas nennt sich wohl Konflikt, sie kämpft ein bisschen, dann gewinnt die Gier. Zum Bäcker. Wieder in ihrem Zimmer stopft sie alles freudlos in sich rein. Sie hat verloren, Hunger hatte sie sowieso nicht. Jetzt ist sie wieder streng mit sich. Sie ist nicht liebenswert, sie bringt nichts auf die Reihe, sie sieht nicht gut aus. Das einzige, was sie wirklich kann, ist schwimmen, aber auch da ist sie nur gut, nicht spitze. Diese Muskelpakete aus der DDR sind auf 100 Metern gut 15 Sekunden schneller als sie. Bei Wettbewerben ist sie immer nur im Mittelfeld. Also Schwimmen ist keine Option für einen zukünftigen Beruf. Was könnte sie sich denn vorstellen? Der Vater sagte mal Goldschmiedin. Hmm. Komisch, ziemlich unvorstellbar, aber von ihrem Vater erwartet sie ja auch nichts Gutes. Die Mutter meint Erika heiratet mal einen netten Arzt. Oh mein Gott! Irgendwie kommt ihre Mutter auch aus einer anderen Zeit. Erika kann sich zwar keinen Beruf für sich vorstellen, aber die Idee, einfach einen Versorger zu heiraten, findet sie völlig abwegig. Abhängigkeit ist nicht vorstellbar. Hubschrauberpilotin! Ja! Das wär was! Aber wie geht das? Was muss man dafür alles können? Die wollen sie bestimmt nicht! Das ist bestimmt unerreichbar. Aber schön wär es gewesen.
Es klingelt an der Tür! Als Erika hinläuft hat Otto schon geöffnet. Es ist Fatma. Otto nimmt sie direkt in Beschlag, Fatma mag das. Die Zwei setzen sich im Wohnzimmer auf die Couch und lassen es prickeln. Erika weiß, dass sie erstmal abgesagt ist. Sie geht zurück in ihr Zimmer und überlegt, ob sie eifersüchtig sein soll. Das Problem ist ja nicht neu. Es ist auch nicht nur Fatma. Es klingelt in letzter Zeit häufiger an der Tür. Da stehen „Freundinnen“, Klassenkameradinnen, Bekannte aus Parallelklassen. Vordergründig wollen sie Erika besuchen. Aber Erika ist zu Recht misstrauisch. Die Mädels lauern auf Otto. Otto weiß das. Wenn er in Erikas Zimmer Stimmen hört, platzt er gerne mal rein und zieht seine Show ab. Er ist charmant, er sieht gut aus, Erikas Freundinnen, meistens drei Jahre jünger als er, sind genau sein Geschmack. Die kann er leicht beeindrucken, die himmeln ihn an, Erika findet das zum Kotzen. Naja, so ganz schlecht findet sie es auch nicht. Sie war ja oft dabei, wenn Otto sich mit seiner Clique trifft. Sie war gänzlich bedeutungslos und nur geduldet. Jetzt hat sie zumindest Bedeutung: sie ist „Mädchenlieferant“. Das gibt ihr Berechtigung ständig dabei zu sitzen. Aber sie ist ein Neutrum! Alle anderen Mädchen sind interessant, sie ist Ottos Schwester. Fatma ist das größte Thema. Sieht Fatma so gut aus? Das kann Erika nicht gut beurteilen. Aber sie merkt, die Jungs finden Fatma  unheimlich interessant. Fatma ist manchmal dabei, aber nicht ständig. Ihr Vater funkt immer mal wieder dazwischen, dann hat Fatma Hausarrest und kann nicht bei den abendlichen Treffen dabei sitzen. Wenn sie nicht dabei ist, wird über sie geredet. Frank, Ottos Busenfreund, hat die absurde Idee, ihr einen neuen Namen zu geben, Ökmül. Dann, so sagt er, können sie auch über sie reden, wenn sie anwesend ist. Erika findet das unglaublich. Ökmül, was für ein bekloppter Name, Erika assoziiert Müll, was will Frank damit ausdrücken? Überhaupt, wie doof über einen Anwesenden reden zu wollen, ohne dass er es merkt, spinnt doch! Aber eigentlich wünscht sich Erika, selbst diese Bedeutung zu haben. Sie möchte wichtig sein, aber sie ist immer nur dieses Schwester-Neutrum. Das Schwester-Neutrum-Dasein hat immerhin bewirkt, dass sie jetzt viele Kontakte hat. Alle möglichen Mädchen buhlen jetzt um ihre Freundschaft. Erika ist ja nicht blöd, einerseits genießt sie es jetzt so angesagt zu sein, andererseits ahnt sie, dass sie nicht gemeint ist. Sie öffnet ihr Herz nicht so schnell für die Mädchen, sie schaut erstmal, worum es geht. Sie verbringt Zeit mit ihrem Besuch in Haus und Garten und wartet auf Ottos Auftritt. Erst danach entscheidet sie, was sie weiter von dem jeweiligen Mädchen erwartet. Sie gewöhnt sich daran, dass die Mädchen ihre eigentlichen Motive verbergen, so übt Erika hinter die Kulisse zu schauen. Erika selbst ist so unglaublich gerade heraus. Das empfindet sie meistens als Nachteil. Sympathie und Antipathie kann sie überhaupt nicht verbergen. Ihre Empfindungen posaunt sie ungefiltert heraus. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge, wie man so sagt. Damit eckt sie ständig an, immer wieder wird sie zurechtgewiesen, ja, sie ist ja auch sehr wütend, sie ist oft verletzend und ihre Klassenkameraden haben schon Recht mit der Kritik.
Bei Fatma ist alles anders. Fatma ist ja auch so grade. Fatma macht das gradeheraus zum Thema: Ja, sie findet Otto interessant, mag die Spielchen mit ihm, das Prickeln und so weiter, aber sie will auch zu Erika. Das ist wichtig. Erika und Otto sind zwei verschiedene Beziehungen. So kommt Erika zu dem Schluss, dass sie nicht eifersüchtig ist. Sie liebt beide. Otto ist in letzter Zeit sehr zugewandt. Erika weiß, dass das nicht nur an der Mädchenconnection liegt. Zwischen Otto und Erika hat sich eine tiefe, tragende Beziehung entwickelt. Sie genießen es, das sie sich so gut kennen und aufeinander verlassen können. Mit Fatma ist das ganz ähnlich. Fatma meint was sie sagt, sie ist auch ganz verlässlich. Erika braucht das um zu vertrauen. Erika vermittelt dafür, ungefragt, dass sie immer für Fatma da sein wird
 So viele Jahre war Erika auf Zugehörigkeit in ihrem Klassenverbund aus. So lange hat sie gekämpft und gelitten und nun löst sich alles von alleine, eigentlich ohne ihr Zutun. Das ist komisch. Hier fühlt sich Erika als Kämpferin, sie will sich nach jeder Runde in die Ecke setzen und ihren Teilsieg begutachten. Freundschaften sind etwas woran man arbeitet: sich zeigen und gesehen werden, wieder zeigen und erkannt werden. Von dem Gegenüber etwas gezeigt bekommen, behutsam damit umgehen, Akzeptanz und Aufmerksamkeit. Das ist ihre Philosophie von Freundschaft. Nun hat sie das Gefühl in einem Stromkanal zu schwimmen. Das Wasser überholt sie, die Mädchen kommen zu ihr, alle wollen mit ihr zu tun haben, sie steht im Zentrum, wo sie immer hin wollte, aber es ist nicht ihr Verdienst, sie ist einfach nur die Schwester.

Sie antwortet darauf indem sie noch weiter ins Extrem geht. Sie fischt aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter komische alte Klamotten heraus, die sie nun austrägt. Ihren neuen Spitznamen, Schrottliese, trägt sie gerne. Auch in ihren Ansichten wird sie noch extremer. Sie äußert Sympathien für Baader-Meinhof, alles Normale findet sie Scheiße, gegen jede Position, die in ihrer Klasse eine Mehrheit findet, muss sie anreden.

Sonntag, 28. Juni 2015

Der rote Mond Südtirol im Herbst

 Sie fahren nach Südtirol! Das Hochgefühl, die Vorfreude sind unbeschreiblich. Erika ist selig. Nur Vater, Mutter Kind sind unterwegs. Erika hat viel Platz sich auf der Rückbank des Autos einzurichten. Es sind einige Umwege abzuarbeiten. Der Vater hat geschäftliche Ziele und danach wollen sie für 2 oder 3 Tage nach Südtirol. Zuerst fahren sie nach Basel. Erika verläuft die Wartezeit auf Basels Strassen. So am lichten Vormittag im Herbst ist in Basel nicht viel los. Aber Erika geht es gut. Sie betrachtet ihr Spiegelbild in den Schaufenstern und findet zum ersten Mal, dass sie gut aussieht. Tja, sie sieht ja auch nur sich selbst, da stehen nicht noch Freundinnen, oder Klassenkameradinnen, die schlanker sind, oder gefälliger. Sie braucht sich nicht zu vergleichen. Nachmittags fahren sie weiter nach Grenoble, die nächste Etappe des Vaters. Wie immer entscheidet sich der Vater für ein billiges Hotel in einer kleinen Vorstadt. Der Nachmittag ist unfassbar heiß und drückend. Erika läuft wieder durch fremde Strassen, aber hier gibt es so gar nichts zu sehen. Es wirkt fast wie eine ausgestorbene Westernstadt. Erika schläft in einem erstaunlichen Zimmer. Es ist in einem kleinen Turm, deswegen sechseckig. Es ist ein recht großer Raum, aber darin stehen nur ein großes, altes französisches Bett, ein Nachtschrank und ein Stuhl. Alles ist ziemlich ranzig. Nachts wird Erika wach, es stürmt und gewittert. Im Zimmer knackst und rumpelt es ordentlich, die vielen Ecken sind bedrohlich und ihre alten Kindheitsängste schwappen wieder ins Großhirn. Erika versucht eine Weile auszuhalten, dann gibt sie auf und tapst die Treppe runter zum Zimmer ihrer Eltern. Sie darf ins Bett, dort liegt sie, der Sturm hat sich gelegt, die Eltern atmen ruhig und sie sieht wie der Himmel aufklart und der Mond rund und silbern hervorkommt. Die Welt wirkt gereinigt.
Am nächsten Tag fahren sie durch die Seealpen nach Nizza. Der Vater nutzt im Ausland ja nur im Notfall die Autobahn, die Maut ist ihm zu teuer. Also juckeln sie die Nationalstrasse runter und Erika hat viel Zeit die Landschaft anzuschauen. Sie lungert auf ihrer Rückbank, es ist fast wie in einem Taxi. Sie ist weitgehend abgeschottet von ihren Eltern vorne, beschäftigt mit ihrer Befindlichkeit und der Landschaft. Die vielen Felsformationen sind aufregend und abwechslungsreich. Erika ist beeindruckt von der rauhen Schönheit dieser Landschaft. Innerlich ist sie so ungewohnt friedlich mit sich. So eins, so abgrundlos, ihre Vorfreude und Zuversicht geben ihr wohl viel Halt. Sie genießt das Gefühl sehr, sie genießt die Landschaft, sie genießt das Wissen, dass sie ihrem Ziel immer näher kommt.
Nizza ist ja immer schön. Erika läuft die Promenade rauf und runter. Die kleinen Palmen auf dem Mittelstreifen, das Meer, das heute recht aufgewühlt ist, Nizza fand sie schon immer toll. Es sind nur einige Stunden Wartezeit zu vertrödeln, dann will der Vater noch schnell weiter. In Nizza ist es nicht leicht eine günstige Unterkunft zu finden. Also fahren sie in der Dunkelheit noch nach Italien hinein und halten Ausschau nach einem passenden Hotel. Es gibt nicht viel zu sehen, der Vater ist wohl ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit, er ist nämlich bestens gelaunt. Erika sitzt in der Mitte ihrer Bank, zwischen den beiden Vordersitzen nach vorne gelehnt. So sind die Drei so nah beieinander wie nur selten. Sie unterhalten sich, der Vater macht Scherze. Den Zauber der Situation bemerkt wohl keiner von ihnen, jeder ist auf seine Art zugeknöpft und einzementiert. Da müsste schon jemand mit einer Hilti kommen um etwas zu bewegen.
Nach dieser Übernachtung ist der Tag X erreicht. Heute Abend werden sie in dem putzigen Dorf ankommen, das Ziel, nach einem halbes Jahr Wünschen und Sehnen. Auf dem Weg kommen sie durch Seveso. Hier war vor einem Jahr das Dioxinünglück passiert. Erika liest mit Schaudern das Ortsschild, der Vater erinnert an die Nachrichten damals. Das alles war im Fernsehen, Seveso, Italien, das wirkte nah und doch mittels der Mattscheibe immer weit weg. Seveso war der erste Supergau nach dem Vietnamkrieg, den Erika wahrgenommen hat. Nun fahren sie durch den Ort. Alles wirkt gespenstisch, sie halten die Fenster geschlossen und atmen alle drei tief durch, als sie die Stadt hinter sich lassen. Ob es wirklich gespenstisch war, oder das nur Erikas Einbildung war? Egal. Hauptsache sie lassen es hinter sich. Südtirol, malerisch, hübsch, nett und adrett liegt vor ihnen. Seveso hat Erika schnell wieder vergessen.
Da sind sie! Alles ist unfassbar, phantastisch gut. Der Ort ist ausgebucht. Erika bekommt ein Zimmer in einem Hotel, die Eltern müssen in ein anderes. Ist das zu fassen? Das Glück ist mal auf Erikas Seite. Sie kann sich bewegen, ohne dass der Vater das ständig kontrollieren kann. Und das Wetter! Sie waren noch nie zuvor im Herbst hier. Es ist so schön! Der Himmel ist tiefblau, keine Wolke, die Kammlinie der Berge setzt sich scharf gegen den Himmel ab. Erika findet das so herausragend, dass sie immerzu hinschauen muss. Die Luft ist jetzt am Abend kühl und kristallin, es atmet sich so leicht. Über Erikas Befindlichkeit braucht man sich wohl nicht auszulassen, sie ist in Hochstimmung, versucht aber auf dem Weg zu dem Gasthof von Peters Eltern den Überschwang einzufangen. Mit einem dusseligen Grinsen und voller Erwartung tritt sie durch die Tür. Peter ist überrascht und die Freude ist ihm schön im Gesicht anzusehen. Er sagt Bescheid und verlässt schnell die Theke hinter der er arbeitet. Sie fahren zusammen zum Minigolf, dort kann man Eis essen, oder was trinken. Sie setzen sich an den kleinen Tisch, unterhalten sich und vergessen die Welt.

Tagsüber wandert Erika mit ihren Eltern durch die Berge, die Zeit nach dem Abendessen gehört ihr allein. Sie ist mit Peter und seinen Freunden im Dorf unterwegs. Sie gehört dazu, die Einheimischen fangen an sie zu grüßen. Ein gutes Gefühl. Zugehörigkeit steht wohl auch auf ihrer Mängelliste. Sie sitzen in Restaurants und Kneipen, trinken Bier und Rotwein, machen Armdrücken. Erika gewinnt gegen alle Jungs. Sie ist stolz auf ihre Kraft, aber sie merkt auch, dass das nicht sehr mädchenhaft ist. Wenn sie dann den nächsten Gegner hat kann sie sich doch nicht zurückhalten, muss alles geben und gewinnt wieder. Die Tage erlebt sie sehr intensiv, es ist schon sicher: das sind die schönsten Tage ihres Lebens. Aber sie sind dann doch vorbei und sie sitzt wieder auf der Rückbank, auf dem Weg in dieses Kaff in Niedersachsen. Natürlich, Trauer. Unermessliche Trauer. Trauer füllt jedoch aus, es ist auch erstmal ein abgrundloser Zustand. Ostern werden sie wohl wieder hinfahren. Aber ein halbes Jahr ist schon lang. Sie weiß schon, sie wird wieder auf ihrem Bett liegen und 10CC ablaufen lassen, bis die Platte aufgibt.

Samstag, 20. Juni 2015

Der rote Mond Schwerelos im Orbit

Schon als Kind hatte sie sich manchmal vorgestellt in den Bergen zu wohnen. Das stellte sie sich so toll vor. Dass sie dann immer rauf und runter laufen müsste hatte sie  allerdings nicht bedacht. Ihren Augen war zu langweilig. Es gab immer nur die Häuser rundherum und den Himmel. Sie kann sich erinnern, wie sie als Kind im Garten auf dem Rücken lag, in den blau-weißen Himmel starrte und sich vorstellte, dass die Wolken schneebedeckte Berge seien. Südtirol! Das war es schon damals und ist jetzt natürlich noch mehr ihr Sehnsuchtsziel, nur, dass sie sich jetzt nicht mehr im Garten still auf den Rücken legen würde. Südtirol sieht aus wie eine große Puppenstube: die schönen Häuser mit den dunklen Balkonen, überall Geranien, die Berge, alles so anheimelnd, wohlig, nett und sauber. Die Menschen sind alle freundlich und sprechen diesen niedlichen Dialekt, den sie zwar schlecht versteht, der sich aber auch so freundlich anhört. Hier ist alles so nüchtern und schnörkellos. Der Garten vor ihrem Haus ist schön, aber sie ist zu alt um auf Bäume zu klettern und sich dort ihrer Phantasie hinzugeben. Schön an dem Garten ist auch das Offene, aber eben, wenn sie im Garten ist, kann sie gesehen werden, von Nachbarn, Passanten, ihrem Vater. In dem Garten kann man arbeiten, Rasen mähen, zum Beispiel,  oder Federball spielen, aber es findet sich nicht mal ein Versteck, wo man in Ruhe eine Zigarette rauchen könnte. Es ist ja eine typische Kleinstadt, in der Erika aufwächst: die Bürgersteige sind hochgeklappt, es passiert einfach gar nichts auf der Straße, aber man spürt, dass tatenlose Hausfrauen hinter den Gardinen sitzen und auf Neuigkeiten lauern. Erika gibt schon genügend Stoff für Tratsch in der Nachbarschaft her, sie muss sich nicht in den Garten legen.
Von Corinnas Fenster aus kann man die Planung des Vaters am besten erkennen. Die große grüne Rasenfläche, daneben die Auffahrt, die mit rotem Kies ausgelegt ist, das moderne Haus ist champagnergelb gestrichen. Die Farbcombi ist toll, eigentlich Italien, oder Penne Primavera, aber Erika schenkt ihrem Vater grundsätzlich keine Anerkennung. Die Mutter hat, trotz ihrer chronischen Unlust, gegenüber der Eingangstür wunderschöne Rosen gezogen, die den ganzen Sommer über üppig blühen und wunderbar duften. Zur Tür sind es nur vier Stufen, ein Mäuerchen mit Windfang grenzt zum Kellergang ab. Der Aufgang ist gerundet. Das hat was Einladendes, noch einladender ist die Tür, die fast nie abgeschlossen ist. Jeder könnte einfach eintreten. Nachts, oder wenn niemand zu Hause ist, wird natürlich abgeschlossen, aber es ist ja meistens jemand zu Hause. Die Mutter geht ja nicht arbeiten, sie ist fast immer da, wenn sie mal einkaufen ist, schließt sie doch ab, legt den Schlüssel aber unter die Mülltonne.
Erika lebt also in einem großen, schönen Haus, mit einem üppigen Garten, es ist eigentlich immer jemand da und trotzdem fühlt sie sich verloren und einsam und sie wünscht sich ein anderes Leben. Abends, manchmal, wenn sie im Dunkeln unterwegs ist, schaut sie in die erleuchteten Fenster der Wohnzimmer. Alles erscheint ihr lebenswerter und wohliger als ihr eigenes Dasein. Sie hat sich schon immer weggewünscht, jetzt wünscht sie sich nach Südtirol. Sie verbringt viel Zeit damit. Wegwünschen und Sehnen. Sie liegt sie auf ihrem Bett, hört 10CC, oder auch mal andere Musik und sehnt sich weg, bis sie Bauchschmerzen hat. Irgendwann wird sie schon mal wieder nach Südtirol kommen, der Vater hat Lust dort Urlaub zu machen. Den Zeitpunkt entscheidet er. Das ist nicht auszuhalten, dass ihr Wohlbefinden wieder von seinen Launen abhängt. So ist es völlig unklar, wann und wie sie diesen Jungen wiedersehen wird.  Ihr Sehnen läuft ins Leere. Sie hat von ihm nichts gehört, sie selbst hat ihm ein oder zwei Briefe geschrieben. Das ist alles. Sie gibt da viel Energie hin. Der Junge ist ihre große Liebe, da ist sie festgelegt. Aber ihre Liebesenergie verpufft ziellos im Orbit, das muss sie sich leider eingestehen. Ihr Leben entwickelt sich zweigleisig: die Festlegung auf diesen Südtirol-Susi, der eigentlich Peter heißt, das „Susi“ wird ihr immer blöder, bleibt bestehen und gleichzeitig hält sie auch in ihrem Kaff die Augen offen, ob sich nicht doch beziehungstechnisch was machen lässt. Ihr starkes Bedürfnis über ihre kosmischen Gefühle zu reden, kann sie bei Corinna und besonders bei Fatma stillen. Corinna war ja dabei, sie kennt ihn, sie hat auch diesen aufregenden Urlaub erlebt. Aber Corinna kommt schnell in ihre Wirklichkeit zurück. Sie ist Realistin und arrangiert sich mit ihren Möglichkeiten. Ja, es ist bekannt, Corinna ist eine gute Zuhörerin und sie ist immer geduldig mit Erika, aber bei Fatma fühlt sich Erika mit ihren ständig gleichen Befindlichkeiten doch besser aufgehoben. Erstaunlich eigentlich: bei Fatma ist Erika ja immer noch sehr vorsichtig. Es gibt schon so ein Gefühl, ein falsches Wort, eine falsche Bewegung und Fatma zieht wie Lucky Luke schneller als ihr Schatten und Erika steht mit dem Rücken an der Wand. Fatma ist eine Indianerin mit fiesen Giftpfeilen im Köcher. Das macht Erika vorsichtig, aber sie findet Fatma unheimlich spannend. Außerdem ist Fatma empathisch und inspirierend im Gespräch. Erika spürt wie sie sich immer mehr Fatma zuwendet.  Zehn Jahre lang war Corinna ihre beste Freundin und wie es bei kleinen Mädchen üblich ist, hatten sie sich geschworen für immer beste Freundinnen zu bleiben. Die Wendung zu Fatma geht mit Schuldgefühlen gegenüber Corinna einher. Das ist zu schwer für Erika, sie spürt da einfach nicht hin und versucht sich Corinna gegenüber unverändert zu verhalten.

Erika steht also zwischen Corinna und Fatma ohne sich ihre Gefühle einzugestehen, sie hält einfach mal still. Ihre scheinbar so großen Gefühle schickt sie in den Orbit. Mit den Jungs in ihrer direkten Umgebung versucht sie in Beziehung zu kommen, aber sie gibt immer nur einen kleinen Teil von sich. Der Rest ist reserviert für den wunderbaren Peter, der 1000 Kilometer weit weg ist und so nichts falsch machen kann und sie nicht enttäuschen kann. Sie ist kaum präsent, gegenüber den Mädels erstarrt und wundert sich, dass sie sich mit dem Leben nicht in Kontakt fühlt

Freitag, 12. Juni 2015

Der rote Mond Kaffeebohnen

Äußerlich verbesserten sich die Dinge, das war unübersehbar, aber innerlich wurde bei Erika nichts besser. Immer war sie gedanklich mit ihrer Freiheit unterwegs. Sie stellte sich vor, wenn sie groß ist, will sie fünf Kinder haben, aus fünf Kontinenten. Dass das dann auch fünf verschiedene Väter sind, fiel ihr gar nicht auf. Sie wollte berühmt werden. Irgendetwas Besonderes machen, was anderen nicht einfällt, oder was andere nicht können. Ein ganz normales Leben konnte sie nicht phantasieren. Sie konnte sich auch mit der jetzigen Normalität nicht abfinden. Immer musste etwas besonderes sein. Jeder Tag musste ein Highlight bieten, sonst war sie unzufrieden. So war sie fast immer unzufrieden. Sie bediente sich am Alkohol, der fast überall im Haus herumstand. Bei ihrer Mutter in der Küche fand sie Eierlikör. Der schmeckte schon ganz gut. Im Kühlschrank gab es Bier, im Keller Wein. Sie trank nachmittags Alkohol, ohne zu wissen warum. Mit Corinna ging sie nachmittags in eine Kneipe, in der Nähe der Schule, dort tranken sie Bier oder Apfelkorn. Erika suchte die Nähe der Jungs, die dort waren, es ging aber gar nicht um Beziehung, dafür hatte sie ja ihren Jungen in Südtirol, es ging immer nur um Anerkennung und dabei sein. Abends, wenn Erika allein in ihrem Zimmer saß, war sie mit Sehnen beschäftigt. Sie sehnte sich so sehr nach diesem Peter, den alle Susi nannten. Dann lag sie auf ihrem Bett und hörte immer das gleiche Lied auf ihrem Plattenspieler: I´m not in Love, von 10CC. Sogar ihr Englisch reichte um zu wissen, dass der Text nicht passte. Aber dieses Sehnsuchtsvolle, wie er das sang, da konnte sie mitschwelgen. Scheinbar Stunden verbrachte sie hier, mit ewiger Wiederholung des einen Liedes. Sie beamte sich weg, in die Erinnerung an die aufregenden Tage im Urlaub, oder sie phantasierte von einer beglückenden Zukunft mit ihm. Jedenfalls war sie nicht da. Zukunft oder Vergangenheit, beides war recht. Im Jetzt kam sie nur an, wenn es an der Tür klingelte und jemand zu Besuch kam, der sie aus ihren Träumereien holte. Das konnte gerne auch ein Freund von Otto sein, dann blieb sie dabei, wenn Otto das zuließ. War es Corinna, dann wollte Erika was losmachen, wieder in die Kneipe gehen, oder so, Corinna akzeptierte fast jede Idee von Erika. Wenn es Fatma war, die jetzt öfter mal vorbeikam, dann saßen sie in Erikas Zimmer, rauchten und unterhielten sich. Ja, das war eine erstaunliche  Entwicklung, Fatma schaute jetzt nachmittags öfter mal rein, vormittags war ihre Beziehung eine ganz andere. Vormittags war Fatma so etwas wie ihre Feindin. Fatma wies Erika öfter zurecht, war eine Art Sprachrohr der Mädchengruppe. Erika schlug ja gerne mal über die Stränge. Sie brauchte fast ständig Aufmerksamkeit. Dadurch war sie oft laut, oder sie äußerte extreme Ansichten, oder sie war verletzend gegenüber einzelnen Mädchen, von denen sie meinte, sie hätten keine starke Position in der Gruppe. Fatma gab Widerworte, ohne Rücksicht auf Erikas Befindlichkeit. Solche Geradlinigkeit traf Erika immer mal wieder ins Mark. Umso überraschter war Erika, wenn sie nachmittags die Tür öffnete und Fatma dort stand, ganz unbefangen. Erika war ganz sicher angenehm überrascht, aber gar nicht unbefangen. Sie konnte das nicht nachvollziehen: Fatma war morgens unfreundlich und nachmittags freundlich. Daraus ergab sich für Erika eine sehr gute Übung. Sie musste lernen aufzupassen, was sie redet. Fatmas Gradlinigkeit war Erika sehr sympathisch, machte sie aber auch sehr vorsichtig. Sie wollte nicht nachmittags in ihrem Zimmer auch noch Eins übergebraten bekommen. Sie wollte die Nachmittags-Freundschaft mit Fatma nicht riskieren. Also lernte sie das, was ihre Brüder ihr schon seit Jahren sagten: erst denken, dann reden. Fatma war spannend, unkonventionell, sie konnte von einer ganz fremden Welt erzählen. Erika war neugierig auf Fatmas Familiensituation. Außerdem verband die beiden das Herz-Schmerz-Thema.
Rauchen war beiden verboten. Erika liebte es ja, verbotene Dinge zu tun und ihrem Vater eine Nase zu drehen. Der Rauch quoll bestimmt unter ihrer Zimmertür hervor. Sie meinte ihr Vater merke nichts. Ihr Vater hatte wohl eher meistens nicht die Energie seine Verbote durchzusetzen. Fatma war mit ganz anderer Energie konfrontiert. Ihre Eltern standen beide mitten im Leben und waren mit Energie bis zur Unterlippe angefüllt. Kurz bevor Fatma wieder nach Hause gehen wollte holte sie etwas aus ihrer Hosentasche. Meistens waren es einige Kaffeebohnen. Es konnte aber auch mal ein Stengelchen Petersilie, oder eine geschälte Knoblauchzehe sein. Das steckte sie sich dann in den Mund, verließ Erika und zerkaute auf dem kurzen Heimweg die Bohnen, oder was auch immer. Zuhause, das hatte sie Erika eindrücklich beschrieben, würde sie ihrer Mutter sagen, dass sie nach Rauch riecht, weil Erika geraucht hat. Ihre Mutter, die Spionin, würde an ihrem Mund riechen, zur Kontrolle. Sie hatte also immer ein stark riechendes Lebensmittel in der Tasche, um ihre Kontroll-Mutter zu leimen. Fatma ging also zu Erika um Rauchen zu können. Außerdem wollte sie Otto abpassen, der hatte eine charmante Art Mädchen zu umgarnen, sah ganz gut aus und war eben auch drei Jahre älter. Ein echter Hecht.

Erika liebte es, wenn Fatma auftauchte. Fatma erzählte Erika sehr vertrauliche Dinge, von denen sie immer wieder betonte, dass Erika das für sich behalten soll. Sowas war ganz neu für Erika. Sie war noch nie Geheimnisträger. Sie war noch nie diskret. Wenn sie etwas erfuhr, dann üblicherweise als Letzte. Sie fühlte sich sehr geschmeichelt durch Fatmas Vertrauen und wollte das keinesfalls gefährden. Ihre nachmittäglichen Treffen hatten auch so etwas geheimes, weil die anderen Mädchen davon keine Ahnung hatten. Es war irgendwie exklusiv. Fatma erzählte auch viel von Zuhause. Da war viel die Rede von Raserei und Gewalt. Fast unvorstellbar für Erika. Bei Erika waren ja alle gegen den Vater verbündet, dadurch wurde ihm viel von seiner Gefährlichkeit genommen. Bei Fatma waren die Eltern verbündet, so kam es Erika vor. Da schien fast alles gefährlich. Fatma hatte einen jüngeren Bruder, aber, so wie Erika das verstand, stand Fatma alleine ihren übermächtigen Eltern gegenüber. Ihre Findigkeit, mit der Situation umzugehen, wie zum Beispiel mit den Kaffeebohnen, beeindruckte Erika sehr und sie beschloss für sich, Fatma gegen ihre Eltern immer zu unterstützen.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Der rote Mond Fatmas Geburtstag

Bei jeder Versetzung wurde die Klasse neu gemischt. Angela, Helke und andere Mädchen sind verschwunden, abgegangen von der Schule. Vereinzelte andere Mädchen kamen hinzu.  Aber nach der Versetzung saßen auf jeden Fall die Mädchenreihe und Erika wieder in gleichen Raum. So hat also das Schicksal zugelassen, dass Erika dazu gehört. Sie kam am ersten Schultag rechtzeitig ins Klassenzimmer und nahm einfach selbst in der Fensterreihe Platz. Sie wurde nicht mehr vertrieben, sie fühlte sich geduldet, so wie bei Otto. Aber sie rückte näher ran und damit war sie schon zufrieden.
Es gab etwas, was die Mädchen mehr und mehr zusammenschweißte. Sie entwickelten sich zur Clique und Erika war dabei. Sie standen alle zusammen zum Rauchen auf der Mädchentoilette, oder, wenn eine Geburtstag hatte, legten alle zusammen und kauften ein gemeinsames Geschenk. Es gab eine unausgesprochene Sicherheit, dass nicht ausgeschlossen wird. Erika spürte bei einigen, dass sie sie nicht mochten, sie wurde kritisiert, oder auch angefeindet, aber eben nicht ausgeschlossen, sie konnte dabei sein. So kannte sie es schon von Otto, der Rest würde sich fügen.
Alle sitzen in Fatmas Zimmer, eng beisammen. Fatma hat Geburtstag, wie üblich sind alle eingeladen. Es ist kurz nach den Osterferien und Erika erzählt von ihrem Urlaub. Alle hängen an ihren Lippen, so wie sie das mag, sie ist eigentlich eine ganz gute Erzählerin. Was sie zu Erzählen hat brennt ihr auch auf der Zunge. Sie sucht dringend nach Zuhörern, sie will diese Geschichte erzählen, will hören, was andere dazu sagten.
„Ich war mit meiner Freundin Corinna im Urlaub. Das war toll, wir waren zum ersten Mal zusammen im Urlaub und haben das sehr genossen. Wir sind mit meiner Mutter und meiner Tante nach Südtirol gefahren, dahin, wo wir eigentlich immer Osterurlaub machen. Mein Vater war nicht dabei, ein Glück, so war alles ganz entspannt. Das Wetter war ganz gut und Corinna und ich hatten es richtig schön. Den Tag haben wir mit meiner Mutter und meiner Tante verbracht, abends, wenn es dunkel wurde sind wir noch durch das Dorf gestromert. Auf dem Dorfplatz saßen eines Abends einige einheimische Jungs, die uns angesprochen haben. Sie haben uns im Cafe zu einer Brause eingeladen und wir haben uns unterhalten. Da gab es einiges zu reden und zu vergleichen, wie so die Jugend in Südtirol verläuft, oder eben in einer niedersächsischen Kleinstadt. Als wir auseinander gingen, waren wir für den nächsten Abend verabredet. Den ganzen Tag verbrachten Corinna und ich in einem Hochgefühl, wir fühlten uns attraktiv und interessant. Ständig mussten wir uns darüber unterhalten, welcher von den Jungs uns gefällt. Wir haben sie sozusagen unter uns aufgeteilt. In bester Stimmung gingen wir am Abend zu unserer Verabredung. Es waren mehr Jungs da. Aufregend! Wieder saßen wir im Cafe, bis es zu machte, unterhalten, flirten, schauen, welcher Junge sich für wen interessiert. Am folgenden Abend gingen wir mit den Jungs nach dem Cafe noch durch das Dorf spazieren. In einer dunklen Ecke wurde ein bisschen rumgeknutscht, Corinna mit Mario, der ihr sehr gut gefiel, ich mit dem Josef. So vergingen die Tage, es war der tollste Urlaub der Welt, wir fühlten uns großartig. Abends, wenn wir auf den Dorfplatz kamen, waren immer wieder auch mal neue Jungs da. Corinna und ich kamen um die Ecke am Dorfplatz, da saß ein Junge, da blieb mir der Atem stehen. Blonde, lange Haare, lebendige Augen, auf der Gitarre spielte er smoke on the water, aber natürlich nur die ersten vier Takte. Ich war sofort hingerissen und hatte kein Auge mehr für den Josef. Der Junge, der wegen seiner Frisur Susi genannt wurde kam mit ins Cafe und machte mir so richtig den Hof. Ich war begeistert und konnte vor lauter Glück überhaupt nur noch überquellen. Der Josef saß auch dabei, aber das war völlig zweitrangig. Vom Cafe aus gingen wir in den Gasthof, der Susis Vater gehörte, dort spielten wir ein Würfel-Sauf-Spiel. Bei sieben muss man einen Schnaps trinken, Corinna und ich waren ruck-zuck besoffen und wurden von den Jungs nach Hause gebracht. Josef war draußen, für immer. Was zwischen den Jungs an Konkurrenz abging, interessierte mich nicht. Ich war für immer und ewig verliebt in Susi, das war schon klar. Der bekannte Ablauf, den Abend fröhlich verbringen, nach Hause gebracht werden mit Zwischenhalt in irgendwelchen dunklen Ecken, rumknutschen. Ungefährlich und schön. In meinem Bauch explodierten Glitter-Glanz-Sternenraketen. Ich schwebte. Aber leider vergeht Zeit und unser Urlaub war bald zu Ende, ich bin soooo verliebt und klar, der Susi mag mich auch, aber er ist 1000 Kilometer weit weg. Das ist mein Problem. Ich habe so Sehnsucht nach ihm und ich will nicht hier sein.“
Es gibt ein kurzes Schweigen, als Erika mit ihrem Bericht fertig ist, dann fängt Susanne an von ihrem Urlaubserlebnis zu berichten. Sie hat im Schwimmbad einen Jungen kennengelernt und mit dem angebändelt. Erika hört ernsthaft zu, aber es ist eine fadenscheinige Geschichte und nach und nach fangen alle an zu kichern. Erika fühlt sich verarscht, Susannes Geschichte ist eine Antwort auf ihre, sie glauben ihr nicht. Als alle aufbrechen, bedeutet Fatma Erika noch zu bleiben. Kein Problem für Erika, sie wohnt ja sowieso nebenan.

„Mach dir nichts draus, Erika, die sind albern, weil sie keine Ahnung haben. Ich habe in der Türkei einen Jungen, an den ich mein Herz verschenkt habe. Ich kann dich gut verstehen. Aber das bleibt unter uns!“ Erika ist beeindruckt. Sie sieht Fatma in einem neuen Licht. Fatma, die Nase, meistens still, manchmal schießt sie einen Torpedo auf Erika ab, wenn sie sie blöd findet. Sowas ist Erika ja gewöhnt, wegen ihrer vorlauten Art muss sie Zurechtweisungen in Kauf nehmen. Aber jetzt gibt es ein Band zwischen ihr und Fatma, dass die Anderen nicht sehen können.