Samstag, 25. April 2015

Der rote Mond Erika im Spiegel

Endlich ist mal richtig was los zu Hause. Nicht Besuch, oder so, sondern es ist Bewegung da, Veränderung hängt in der Luft. Der große Bruder Thomas hat eine tolle Freundin. Sie kommt von ganz weit weg, China oder so und spricht ihr deutsch weich. Erika findet das schön und würde den Akzent am liebsten imitieren, weil es sich so nett anhört. Erika findet die Frau sowieso ganz toll. Zeitlebens hatte sich Erika eine Schwester gewünscht, eigentlich eine Jüngere aber nun bringt der Bruder eine Frau ins Haus, die ab jetzt irgendwie dazu gehört. Die Frau ist nicht nur nett, sie ist auch zugewandt. Sie redet mit Erika, nicht viel, aber Erika merkt immerhin, dass sie wahrgenommen wird. Und boah, sieht die toll aus. So schlank! So schlank wird Erika nie sein. Der große Bruder mahnt Erika bei jedem Sonntagsessen, dass sie weniger essen soll, weil sie schlanker sein soll, schon seit Jahren. Das bewirkt leider nicht, dass Erika weniger isst, sondern nur, dass sie mit einem schlechten Gefühl viel isst. Manchmal, wenn sie allein ist, steht Erika vor dem Spiegel und beguckt ihren dicken Bauch. Das kann sie nur, wenn sie allein ist, denn der Blick in den Spiegel ist nur zum Haare bürsten erlaubt, alles weitere ist Eitelkeit. Da steht Erika aber auf dem Schlauch. Sie will sich lange und in Ruhe anschauen. Sie würde gerne sehen, was andere sehen, wenn sie sie ansehen, sie würde gerne probieren, wie sie hübscher aussehen könnte. Das macht sie also nur, wenn sie allein ist. Dann schaut sie sich ihre Figur an, dazu muss sie den Spiegel von Haken nehmen und vorsichtig auf einen Stuhl lehnen. Mit entsprechendem Abstand, kann sie sich bis zu den Knien betrachten. Das reicht, von den Knien runter sehen alle Mädchen gleich aus. Sie schaut sich an, dann ist sie unzufrieden und muss ihrem Bruder recht geben, sie sollte weniger essen. Der Spiegel kommt wieder an den Haken, nun nimmt sie sich Zeit für ihr Gesicht. Eine zugeschlossene, misstrauische Maske schaut aus dem Spiegel zurück. Die Haare sind seitlich streng mit einer Klemme festgemacht, genauso scheint ihre senkrechte Stirnfalte in dem Gesicht festgeklemmt. Was Erika da sieht ist unattraktiv und langweilig. Sie kann den Blick in den Spiegel  nicht länger ertragen.
Erika sollte sich besser nicht mit der schönen und freundlichen Frau vergleichen, die der große Bruder immer mitbringt. Wenn Erika es schafft, den Vergleich zu vermeiden, genießt sie es sehr, dass noch eine weitere Frau da ist. Alle mögen die Frau, außer dem Vater natürlich. Erika findet daran nichts besonderes, der Vater mag ja sowieso fast niemanden. Der große Bruder ist noch gar nicht so sehr alt, aber trotzdem will er die Frau heiraten. Jetzt versteht sogar Erika, dass die Meinung des Vaters  wichtig ist. Der Vater ist eigentlich nicht ausländerfeindlich, aber eben sehr misstrauisch. Die Frau kommt ja von sehr weit her, der Vater misstraut ihren Gefühlen und wittert niedere Beweggründe für ihren Heiratswillen. Er ist dagegen. Erikas Mutter ist da ganz anders. Natürlich ist sie eine Mutter, wie alle Mütter. Alle Mütter haben Angst vor Schwiegertöchtern, Sohnräuberinnen. Aber die Mutter ist klug, sie empfängt die junge Frau mit offenen Armen, so bleibt der Weg zum Sohn offen. Der Mutter ist es auch ganz egal, aus welchem Land die Schwiegertochter kommt, sie spürt die starken Gefühle des Sohnes und ist einverstanden. Dadurch gerät die Mutter in offene Konfrontation mit dem Vater. Die beiden ziehen ja eigentlich nie an einem Strang. Oft sieht die Mutter die Dinge anders als der Vater, Harmonie ist für beide ein Fremdwort, aber durch den heiratswilligen Sohn gerät die Ehe der Eltern in Gefahr.

Eines Nachmittags fährt die Mutter zum Bruder in die große Stadt, sie will mit ihm reden. Erika darf mit. Erika weiß, die Mutter hat ein wichtiges Anliegen. Erika darf mit, aber nicht stören. Erika will ja immer, überall dabei sein, also ist sie zufrieden. Die Zwei reden lange miteinander, Erika wird schnell langweilig, sie hört nur noch mit einem Ohr zu und schaut sich lieber in der fremden Wohnung um. Als die Mutter das Wort „Scheidung“ ausspricht, spitzt Erika dann doch wieder die Ohren. Es ist Erikas großer Wunsch, vom Vater getrennt zu Leben. Das stellt sie sich großartig vor: die Restfamilie würde ihre Zeit in ewiger Harmonie und Sonnenschein verbringen, wenn der Vater nicht mehr dabei wäre. Der Vater ist ja auch schon sehr alt, oft wünscht sich Erika, dass er tot sei, das wäre auch eine gute Lösung. Nun also „Scheidung“, Erika hört den Bruder antworten: „dann kommt der Vater, verspricht Erika das Blaue vom Himmel und sie zieht zu ihm, willst du das, Mutter?“ Was für ein Schwachsinn, denkt Erika, um nichts in der Welt würde ich zu dem ziehen, ich würde immer bei meiner geliebten Mutter bleiben. Aber sie kann es nicht sagen, sie wird sowieso nicht gehört und sie hatte fest versprochen nicht zu stören. Wenn der große Bruder das sagt, dass sie für ein paar kleine Versprechungen käuflich ist, dann glauben das Alle, egal was Erika dazu sagen würde. Erika ist mal wieder entsetzt und verzweifelt, wie ihre Familie über sie denkt. Sie versteht nicht, dass der Bruder sie nur vorschiebt, weil er die Verantwortung nicht tragen will. Diese lustige Familie: die Mutter will die Verantwortung auf den Sohn abschieben, der schiebt sie weiter, an die kleine Schwester. Da ist niemand mehr, an den Erika weiter schieben könnte, Erika versteht das alles zwar noch nicht, aber sie trägt. Sie weiß nicht was das ist, aber es ist schwer.

Samstag, 18. April 2015

Der rote Mond Erika und Corinna


Sie sitzt in ihrem Zimmer und übt den täglichen Kopfsprung in den Abgrund. Es ist die immer gleiche Übung: Sie sitzt in ihrem Zimmer, eigentlich sollte sie Hausaufgaben machen, aber das gelingt ihr nicht. Anstatt dessen denkt sie über ihre Situation nach. Nein, es ist nicht ihre Situation, damit fängt sie nur an und das ist schon schlimm, aber dann denkt sie über sich selbst nach und da tut sich der Abgrund auf. Sie stürzt ins Bodenlose. Sie findet keinen Halt in sich, findet aber auch keinen Boden.
So sitzt sie da, schaut aus den großen Fenstern, über den Garten zur Straße. Der Vater hatte das Haus an eine damals sehr untypische Stelle gesetzt. Es steht nicht vorn, an der Straße, sondern am hinteren Ende des Grundstücks. So muss jeder, der zu Besuch kommt, erstmal den langen Weg laufen, bevor er an der Tür klingeln kann. Da ist für Erika und andere, die im Haus aus dem Fenster schauen, viel Zeit den Besucher zu betrachten. Zum Beispiel ihre Freundin Corinna, wenn die von gegenüber kommt, hat sie meistens den Blick auf den Boden gesenkt. Sie weiß, dass sie beobachtet wird und wundert sich schon lange nicht mehr, dass Erika ihr öffnet, bevor sie klingelt. Der Garten vor dem Haus hat etwas protziges, ist aber auch wunderschön. Wie ein Park, mit den großen Bäumen, Erika bewundert den Garten jedesmal, wenn sie bei Corinna zu Besuch ist. Corinna wohnt  genau gegenüber, sie hat ihr Zimmer im zweiten Obergeschoss, von dort hat man einen wunderbaren Blick auf Haus und Garten. Oft steht Erika dort am Fenster und schaut auf ihr zu Hause. Mit Abscheu und Bewunderung. Von hier oben hat sie mal ein bisschen Distanz. Erika quatscht Corinna  mit ihren Problemen voll. Corinna ist ein freundlicher Mensch, sie lässt das zu, es interessiert sie ja auch. Die zwei sind beste Freundinnen. Endlich wieder sind sie beste Freundinnen. Das waren sie schon in der Grundschule, das war lustig, damals, sie hatten immer die gleichen Noten. Auch im Zeugnis, absolut identische Noten, aber Erika sollte weiter auf das Gymnasium, Corinna auf die Realschule. Die Beiden wollten nicht getrennt werden. Mit den Zeugnissen in der Hand, aber nur wenig Hoffnung,  sind sie vorgegangen, zur Lehrerin, um zu fragen, wie das geht: identische Zeugnisse, verschiedene Schulzuweisungen. Die Lehrerin war ungehalten, natürlich hatte sie keine Erklärung  für die Mädchen, „das ist eben so“, war alles, was sie dazu zu sagen hatte. Erika und Corinna waren traurig über die Trennung, aber sie wohnten ja so nah beieinander, dass sie zuversichtlich waren, ihre Freundschaft würde eben nachmittags weiter gehen. Corinna wohnte im zweiten Stock. Die Wohnung der Familie war im ersten Stock, aber sie war klein, also wurde für Corinna im Dachgeschoss ein Zimmer hergerichtet. Erika hätte sich an der Wohnung vorbeischleichen können und einfach im Treppenhaus weiter nach oben zu Corinna gehen können. Aber das war verboten. Corinnas Mutter hatte Ohren wie ein Luchs und die Treppe knarzte. Es war besser das nicht zu probieren. Corinnas Mutter hatte sowieso was gegen Erika. Corinnas Mutter entschied über gut und böse. An ihr hing Erikas Wohl. Scheinbar nach Lust und Laune entschied sie Corinna hat Zeit- hat keine Zeit. Also schwitzte Erika jedesmal, wenn sie da stand, vor der Tür. Sie wurde oft abgewiesen, oder es wurde gar nicht geöffnet. Das war schlimm. Erika wusste, dass Corinna da war, aber ihre Mutter wollte nicht, dass die Zwei miteinander spielten. Oftmals unterhielten sie sich nur, oder Corinna wollte Stadt-Land-Fluss spielen. Da verlor Erika immer. Manchmal  schauten sie sich die Bravo an, die Corinna  kaufte. Oder Erika stand am Fenster, mit dem Blick auf zu Hause und sprach ihre Gedanken laut aus. Das reinigte sie. Corinna war eine gute Zuhörerin.

Es gab eine Zeit, da wurde Erika an der Tür ständig abgewiesen. Sie hatte dafür keine Erklärung. Irgendwie passte Corinnas Mutter der Kontakt ihrer Tochter mit Erika gar nicht mehr. Nach der Abweisung an der Tür ging Erika dann aber nicht nach Hause, sondern sie stellte sich an ihren Gartenzaun, mit Blick auf Corinnas Fenster. Dafür musste sie den Kopf ganz in den Nacken legen. Jeder ältere Mensch hätte einen steifen Nacken bekommen. Erika stand da nämlich richtig lange. Sie fixierte Corinnas Fenster, als könne sie dadurch Corinnas Erscheinen am Fenster erzwingen. So stand sie da, auf dem Fußgängerweg, an den heimischen Zaun gelehnt, scheinbar stundenlang. Es gab keine Alternative. Wenn sie nach Hause ginge, würde ihre Einsamkeit sie überwältigen. So stand sie da, sie war sich der demonstrativen Blödheit ihres Verhaltens bewusst. Die Passanten sahen sie da jeden Nachmittag stehen, den Kopf im Nacken, still wie eine Skulptur. Dort stehen war furchtbar, heimgehen noch viel schlimmer.

Samstag, 11. April 2015

Der rote Mond Erika bei den Ratten


Alles hat sich verändert. Aber auch alles. Alles zum Schlechten. Das wird Erika nach und nach klar. Sie fühlt sich jetzt zwar präsenter in der Welt, dadurch fühlt sie ihre Ohnmacht aber nur mehr. Man könnte eine lange Veränderungsliste schreiben. Sie ist auf das Gymnasium gekommen. Neues Spiel- neues Glück? Nein, keinesfalls. Sie ist kein Spieler, sie ist eine Figur, die willkürlich hin und her gerückt wird. Sie hat sich gefreut mit Otto auf derselben Schule zu sein. Aber da sind so viele, sie findet ihn gar nicht, außerdem weiß sie ja, dass sie ihm nicht hinterher rennen soll. Die Klassenkameraden sind komisch. Nene, ist schon klar, die Klassenkameraden finden sie komisch. Sie versteht aber gar nicht warum. Sind es ihre Anziehsachen? Sie muss ja immer die alten Sachen von ihren Brüdern auftragen. Das findet sie auch nicht so toll, sie würde sich lieber schöne, bunte Mädchensachen anziehen. Aber, kann das ein Grund sein, dass sie ausgeschlossen wird? Oder mag es ihre Art sein? Sie kann sich da kaum sehen, aber ja, sie ist verdrießlich und gleichzeitig vorlaut. Schon eine komische Mischung. Ach ja, und wenn man sie lässt, ist sie eine Besserwisserin. Tja, ja, kommt wohl nicht so gut an, aber in der Grundschule hatte sie diese Probleme überhaupt nicht. Sie war immer so zufrieden mit ihrer Position in der Klasse, dass sie das Thema gar nicht kannte. Und jetzt ausgeschlossen. Die blöde Kuh, die immer falsch ist, egal, was sie macht. Schon vor den Herbstferien fuhren sie ins Landschulheim. Dort haben sich dann noch alle über ihren Schlafanzug beölt. Was ist daran so komisch? Schlafanzüge bekommt sie immer zu Weihnachten von ihrer Tante aus der DDR. Da ist noch eine extrem lästige Veränderung: die Schule fällt ihr nicht mehr so leicht. Erika war gewohnt, dass sie alles gut mitkriegt und sich um nichts kümmern braucht. Jetzt müsste sie Hausaufgaben machen, sich richtig hinsetzen, Vokabeln lernen. Das erscheint ihr anstrengend. Sie kann sich dazu nicht aufraffen. Also rutscht sie ab, mit den Noten. Die Versetzung ist immer wieder gefährdet. Wie gesagt, extrem lästig, aber Hausaufgaben macht sie nicht.
Als sie zurückkommen aus dem Landschulheim steht ihre Mutter da, um sie abzuholen. Noch im Bus erkennt Erika am Gesicht ihrer Mutter, dass etwas passiert ist. Der Vater hatte einen Herzinfarkt. Das findet Erika erstmal nicht so schlimm, wie das Gesicht ihrer Mutter. Erika ist so zugeschnürt gegenüber ihrem Vater, dass sein Schmerz und seine Krankheit ihr gar nichts ausmachen. Aber das dicke Ende kommt bald. Der dritte, ganz große Punkt auf der Veränderungsliste. Obwohl, vorher, doch, doch, wie der Vater da liegt, im Krankenhausbett, so klein, so schwach, leise und fast zart, das findet Erika komisch, befremdlich, berühren lässt sie sich davon aber nicht. Das übliche Brimborium, Krankenhaus, Kur, der Vater kommt wieder auf die Füße, aber er verändert sein Leben völlig. Er ist nicht mehr so viel unterwegs. Er arbeitet jetzt von zu Hause aus. Erika war daran gewöhnt, dass er fast immer weg war. Für sie war die Welt zweigeteilt: Vater weg-gut. Vater da-schlecht; abtauchen, verstecken. Jetzt gibt es nur noch Vater da. Wie ein dunkler Schatten überlagert er ihre Welt. Er ist ja fast immer schlecht gelaunt und dann gibt es noch häufige Wutanfälle. Der Vater ist immer misstrauisch, er erwartet  nichts Gutes. Erika sucht gar nicht erst nach einem guten Weg zu ihm. Da gibt es auch keine Vorbilder in der Familie. Alle versuchen abzutauchen, wenn der Vater auftaucht. Jetzt ist er immer da. Erika kann nicht immer tauchen. Sie versucht es mit Unauffälligkeit und ihm aus dem Weg gehen. Bei jeder Mahlzeit sitzen sie jetzt zusammen am Tisch. Oft betrachtet sie ihn. Er scheint so konzentriert auf seinen Teller, dass er das nicht merkt. Wenn sie ihn so betrachtet, fühlt sie immer nur Abscheu. Bei ihren Mahlzeiten sitzen sie jetzt  nur noch zu Viert. Das ist die weitere große Veränderung. Die großen Brüder sind weg. Erst zum Bund und dann zum Studieren. Das Haus ist so viel stiller geworden. Erika hat keine breiten Schultern mehr, hinter denen sie in Ruhe gelassen wird. Ihre großen Brüder sind doch ihre Helden. Die eigentlichen Autoritäten, die ihr sagen wo das Leben lang geht.
Manchmal kommen die Brüder nach Hause. Dann ist das Leben ein Fest. Alles ist wieder fröhlich, ausgelassen, laut. Auch die Mutter taut auf, wenn ihre großen Jungs kommen. Sonst verbringt sie ihr Leben in der Warteschleife. Alle Pflichten empfindet sie lästig und nicht lustig. Wenn sie die abgearbeitet hat setzt sie sich mit Cognac und Zigarette. Das ist wohl ihre einzige Freude. Oder eben, wenn einer Ihrer Jungs auftaucht. Dann wird sie lebendig. Erika will dann überall dabei sein und genießt auch alles. Das Zuhause wird dann vorübergehend sonnig, alles ist gut. Das Licht wird wieder ausgeschaltet, wenn der Bruder wieder abreist. Alles versinkt wieder in Lethargie, Monotonie, Lieblosigkeit.

Thomas  wohnt ja in der nächsten großen Stadt. Er hat keinen weiten Weg, kommt öfter mal vorbei. Eines Abends ist er mit seiner Freundin da, als Erika vom Schwimmtraining nach Hause kommt. Nach dem Schwimmen hat Erika immer riesigen Hunger, naja, eigentlich hat sie immer Hunger.  Jetzt, für den Bruder hat die Mutter richtig lecker gekocht. Erika genießt das Essen und sagt dann: „wenn ich groß bin ziehe ich ganz weit weg, damit Mutter für mich auch richtig lecker kocht, wenn ich dann mal nach Hause komme. Wegen euch gibt es hier so lecker, für mich kocht Mutter nur den letzten Scheiß.“ Oohh. Eklat. Die Mutter zerrt Erika in die Küche und schimpft auf sie ein. Sie soll sich beim Bruder und der Freundin entschuldigen. Hää? Warum? Erika versteht das nicht. Aber sie ist erschrocken über die starke Reaktion, die ihre Worte ausgelöst haben. Sie ist eigentlich gewohnt, dass ihre Äußerungen scheinbar ungehört verpuffen. Also gut, betroffen und doch eher ferngesteuert geht sie zurück ins Wohnzimmer. Die Frau sitzt auf Thomas´ Schoß, beide schauen Erika erwartungsvoll an. Erika geht hin und sagt die entschuldigenden Worte, die sie nicht spürt. Damit löst sich die Situation, aber Erika bleibt irritiert davon. Sie fühlt sich nämlich weiterhin im Recht. Sie hat einfach nur wahre Worte ausgesprochen. Die Mutter kocht in letzter Zeit oft richtigen Mist. Kürzlich gab es Reste. Klar, Reste müssen schon mal sein, aber die Mutter hatte Blumenkohl mit Sauce hollandaise einfach mit Bolognese Soße gemischt. Das geht doch zu weit. Der Hunger treibt es rein. Ja. Die Mutter hatte jetzt die Talsohle ihres Daseins erreicht und dort würde sie noch einige Jahre verbringen. Die Freudlosigkeit der Mutter wirkte sich direkt auf Erikas Lebensgefühl aus. Sie war schon im Keller, der Zustand der Mutter zieht sie noch weiter runter, zu den Ratten. 

Samstag, 4. April 2015

IG Farben das Telefon ist kaputt

Heute ist ihr Geburtstag. Im Haus wird kein großes Gedöns darum gemacht, das ist ihr recht. Bei 25 Leuten wäre das rein statistisch alle 2 Wochen Gedöns, das wäre ja auch ein bisschen viel. Sie verbringt einen schönen, ruhigen Tag. Sie fühlt sich ausnahmsweise mal ganz wohl mit sich selbst. Was auch ganz gut ist: das Telefon ist kaputt, es kann sie keiner anrufen. Zwischendurch überlegt sie mal, ob sie zur Telefonzelle laufen sollte, um zu Hause anzurufen: „wolltet ihr mich vielleicht anrufen und gratulieren, dann tut das jetzt, weil unser Telefon ist kaputt.“ Ne, keine Lust, sie genießt den lauschigen Abend. Morgen wird das Telefon repariert und dann ist noch früh genug für Gratulation. Am folgenden Mittag, kaum ist das Telefon fertig repariert, da klingelt es schon. Roth geht ran, es ist ihr Lieblingsbruder. „Norbert, hallo, Du möchtest mir wohl gratulieren…“ blökt sie aufgedreht ins Telefon. „Nora…warte mal, ich hole Mutter!“ Roth hat einen Augenblick Zeit sich zu wundern. Der Weg zum Telefon ist bei ihr zu Hause sehr weit, es steht im Arbeitszimmer ihres Vaters, das ist ziemlich abgelegen. Warum hat er nicht zuerst gratuliert? Warum war seine Stimme so komisch? Sie kann sich keinen Reim darauf machen und wartet auf ihre Mutter am Telefon. „Nora!“ „Hallo Mutter?“ Jetzt aber Glückwünsche und Segen. „Vater ist heute früh gestorben!“ Die Kellertür geht auf. Roth fängt sofort an zu heulen. „Nein… nein…. Ich komme!“ Das Gespräch ist beendet. Roth ist völlig überwältigt von dem Durcheinander in ihr drin. Die Kellertür steht offen und er fehlt ihr und er ist weg! Sie kann ihn nie wieder erreichen, sie wird ihm nichts mehr sagen können. Plötzlich spürt sie seine Bedeutung. Ihr Haus ist auf seinem Rücken gebaut. Er ist der Atlas, der ihre Welt trägt. Alles um sie herum fällt in sich zusammen und in ihrem Kopf öffnet sich ein riesiger Abgrund wie nach einem Erdbeben. Ihr Vater war ihr Schutz, ihre Sicherheit. Diese verwüstete Brachfläche, die sie in sich drin ausmacht, war befüllt von ihrem Vater. Bis eben hat sie das alles nicht gewusst. Die Kellertür war immer gut geschlossen. Zeitlebens war sie der Ansicht, dass sie ihren Vater hasst. „Am liebsten wäre mir, er wäre tot.“ Das hat sie oft gesagt, nicht zu ihrer Familie, die hätten das missbilligt, aber zu Freunden, es war ihre ehrliche Meinung. Sie hat ihren Vater immer nur als übellaunigen Störenfried wahrgenommen. Er war schon alt, als sie geboren wurde, er war immer alt, unnahbar, unerreichbar. Sein Tod war eine naheliegende und, aus ihrer Sicht sehr wünschenswerte, Idee.
Nun ist er tot! Da sind auch Schuldgefühle, weil sie sich das immer gewünscht hat, aber im Vordergrund steht der Verlust. Sie hatte mit ihm telefoniert. Ja! Das ist jetzt das Hälmchen, an dem sie sich festhält. Das war am Karfreitag, auch schon wieder einige Monate her. Ihre Mutter hat ja geschätzte 150 Pastoren in der Ahnenreihe, Karfreitag ist der größte Feiertag. Roth hat zu Hause angerufen und hatte ihren Vater am Apparat, was eingangs eigentlich immer der Fall ist. „Hallo Vater“ „Mutter ist nicht da, willst Du nachher nochmal anrufen?“ war seine Antwort auf die Begrüßung. Aus völlig unerfindlichen Gründen sagte Roth: „nee, lass mal, ich kann ja genauso gut mit Dir reden.“ Also redeten sie. Nicht lange, auch nichts Besonderes. Belanglosigkeiten, Alltäglichkeiten. Aber! Sie hat freiwillig mit ihm gesprochen! Das hatte sie noch nie, oder zumindest ewig nicht gemacht. Jetzt, nach seinem Tod ist das ihr Rettungsanker. Sie hat einmal freiwillig mit ihm gesprochen. Ja, sie hatten sich ganz nett unterhalten. So dies und das halt. Aber sie hat seine Stimme jetzt wieder im Ohr. Er war freundlich. Er war wahrscheinlich genauso überrascht wie sie, dass sie mit ihm reden wollte. Angenehm überrascht. Diese angenehme Freundlichkeit in seiner Stimme wird sie für den Rest ihres Lebens begleiten. Die Kellertür wird auch offen bleiben und die immense Bedeutung, die er in ihr hatte, wird ihr noch lange zu schaffen machen.

Abends ist sie zu Hause, bei ihrer Familie. Es ist tröstlich gemeinsam mit den Brüdern zu trauern. Sie stöbert im Schreibtisch ihres Vaters herum. Das hat sie früher öfter gemacht, meistens in feindlicher Absicht, um ihm Geld zu klauen, oder so. Sie schaut in sein Tagebuch. Sie ist erwähnt! Gestern Abend hat er versucht sie anzurufen, sie hatte ja Geburtstag, er hat sie nicht erreicht. Ja genau, das Telefon war ja kaputt. Gestern Abend…das war in einem anderen Leben

Samstag, 28. März 2015

IG Farben bei Müllers hats gebrannt

Die Trauer ist so groß. Sie kann gar nichts machen, die Trauer ist überwältigend. Doch, sie hat was gemacht: sie hat sich die Haare abgeschnitten. Mit einer Küchenschere. Sie hat eine Strähne nach der anderen in die Hand genommen und abgesäbelt. Ihre wunderschönen Haare! Damit versucht sie ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Nun sieht sie aus wie ein zerrupftes Huhn. Aber das ist egal, die Trauer liegt über allem. Sie geht in die Sedanstrasse, um die Mädels zu treffen. Wenn sie jetzt zusammen  etwas Essen würden, wäre das ein Leichenschmaus. Alle sind wie gelähmt. Geteiltes Leid ist halbes Leid? Ha! Das gemeinsame Trauern ist unerträglich. Alle 4 sitzen am Küchentisch und sind einfach nur traurig. Das ist nicht auszuhalten. Roth muss schnell wieder abhauen. Sie fühlt sich  wie eine Verräterin, aber sie kann es eben nicht aushalten. Sie geht zurück in ihr besetztes Haus. Da ist es auch das Thema. Ja.Ja. Das VZ ist abgebrannt! Interessant, traurig, aber nicht überwältigend. Hier bekommt sie sogar Mitgefühl. Alle wissen ja, dass das VZ ihr soviel bedeutet hat.
Ihr ist etwas genommen worden, ein Teil von ihr. Das VZ war Teil ihrer Identität. Sie war damit verwachsen, es war ihr Platz, wo sie sich selbst Ausdruck geben konnte. Ihr Forum, Nacht für Nacht, das war der Roth-Darstellungsraum. Nicht nur im Obergeschoss, wo sie ihre aktuelle Carmen Oper aufführen wollten, das ist auch mit abgebrannt. Nein, das ganze VZ war ihr Raum, in dem sie sich Leben konnte. Und nun ist es abgebrannt. Wilde Theorien sind im Umlauf, Brandstiftung! Löst die Stadtverwaltung so ihre Probleme? Roth glaubt fest daran. Es ist einige Tage lang Thema, und dann rückt es immer mehr in den Hintergrund. Die Stadt befriedet, obwohl das gar nicht so nötig erscheint. Für Roth und ihre Mädels ist es das Drama, für die anderen dreht sich die Welt weiter. Es gibt ein paar Demos, aber nichts Herausragendes, Roth merkt schnell, dass da nicht viel passieren wird. Den Punx  wird Platz für ein neues cräsh zur Verfügung gestellt. Die großen Herren kriegen ein „Jazzhaus“ Die Mädels gehen natürlich leer aus. Sie haben ja auch nichts gefordert, sie hätten sich wohl auch selbst ausgelacht, sie haben keine Lobby, sie haben kein Konzept, sie hätten nicht mal sagen können was sie wollen. Roth will auch diese Scheiß-Befriedung nicht. Das ist hier kein Scheiß-Marktplatz, wo der Schlaue den besten Deal macht. Sie trauert noch, sie ist erschüttert. Jetzt sind die Punx friedlich, die Politfreaks richten sich in ihrem schicken Jazzhaus ein. Der Typ, der das kleine Schickeria gemacht hat, hat soviel Kohle veruntreut, dass er ein immenses Kneipenimperium aufbauen wird. Leer sind nur die Mädels. Bekanntermaßen kann Roth Leere überhaupt nicht aushalten. Sie taucht ein und unter in ihrem besetzten Haus, lässt sich von Lärm und Gedöns berieseln und versucht zu vergessen, dass ihre Welt abgebrannt ist.
Es ist ja auch schön. Es ist auf jeden Fall schön. Endlich ist sie mit ihrem Leben zufrieden. Alles ist anregend, aufregend, sie ist da, Teil des Geschehens. Sie ist ein Schmetterling und der freundliche Wind pustet sie hin und her. Da gibt es Purzelbäume und Bruchlandungen, aber sie rappelt sich immer wieder auf und flattert hoch in den Wind. Die vielen Leute, neue Blickwinkel, neue Ideen, neue Aufgaben. Da ist ja ganz viel von dem, was sie wollte. Sie geht mit ihren großen Herren auf Plenen. Wird sie schon akzeptiert, wenn sie sich zu Wort meldet? Das macht sie immer noch mit klopfendem Herzen. Aber sie sitzt neben dem wichtigen Stefan. Das ist so, als würde sie den Weihnachtsmann persönlich kennen. Sie spürt, dass sie einen neuen Platz in der Rangliste einnimmt, ho! Das tut ihr gut. Da gibt es neue Bereiche für sie, wo sie sich früher nicht hin getraut hätte. Jetzt kann sie dort ganz entspannt ein- und ausgehen. Sie gehört jetzt dazu, sie wohnt ja in dem Haus. Die vielen neuen Leute. Das beschäftigt sie, da ist sie gefordert. Sie wird wichtiger in ihrer neuen Familie. Sie bekommt Raum, in dem sie sich bewegen kann. So kann sie ihre Trauer verdrängen. Sie verdrängt aber eben ihre Mädels mit, das ist ihr gar nicht klar. Wenn sie dann doch mal drüber nachdenkt, dann macht sie eine Mädelspause, so sieht sie das. Aber Nachdenken ist ja  nicht ihr Ding. Nachdenken macht sie  immer traurig. Lieber in die Küche gehen und schauen, was da so los ist. Dann sind die Mädels gleich wieder vergessen und sie taucht ein in neue Verbundenheit, action, Zeuch!
Einen Abend, an ihrem neu eroberten Platz, im Grether Cafe, trifft sie Bionda. Die Freude ist groß, Roth ist sehr angeregt und will von ihrem neuen Leben erzählen. Das interessiert Bionda überhaupt nicht, irritierend. Bionda macht Roth Vorwürfe. „Du bist nicht die Königin, die du glaubst zu sein!“ Roth schaut sprachlos in das Gesicht, das sie immer so schön und strahlend fand. Jetzt sieht sie nur Empörung, Wut und Verletztheit. Roth steckt in der Falle, sie hört den Vorwurf, sie spürt etwas anderes. Bionda fährt fort mit Vorwürfen, Roth bleibt sprachlos, kann sie sich nicht erklären, oder will sie es nicht? Sie ist durcheinander, sie durchschaut die Situation nicht. Sie bleibt gefangen in der doppelten Aussage von Bionda. Bionda sagt nicht „du fehlst mir! Ich vermisse dich! Du hast mich verletzt! Ich will mit dir zusammen trauern! Ich will mich weiter aufgehoben fühlen in der Freundschaft mit dir! Bionda sagt das alles nicht, aber Roth spürt es doch. Was sie hört ist: „Du bist nicht die Königin, die du glaubst zu sein!“ Was sie sieht, ist ein böses, zurückweisendes Gesicht. Der Vorwurf selbst ist so schräg. Roth fragt sich, was Bionda von ihr sehen kann! Roth hat mit Königin so gar nicht zu tun, höchstens wenn sie mal gekokst hat. Wie bei einem Sterbenden, zieht ihre Freundschaft in schnellen Bildern an ihrem inneren Auge vorbei. Die herausragenden Erlebnisse, die Verbindung zu Bionda, die Roth so haltbar empfunden hat. Die wunderbare Leichtigkeit, mit der Bionda das Leben schlürft, davon wollte sich Roth immer eine Scheibe abschneiden. Das hat allerdings nie geklappt, Roth blieb gefangen in ihrer inneren Schwere, auch wenn sie äußerlich die Leichtlebigkeit Biondas kopiert hat. All das wischt Bionda weg mit ihrem „Du bist nicht…“. Roth, immer noch sprachlos wird überwältigt von Traurigkeit. Wer steht da vor ihr? Die Freundin, mit der sie über Jahre ihr Leben geteilt hat? So eng, so nah? Roth ist niemals Königin! Roth ist immer gefangen in ihrer Depression. Klar, äußerlich ist sie spritzig, witzig und vorlaut, aber wer ihr nah kommt muss doch die Verzweiflung und Trauer sehen, in der sie feststeckt. Was hat Bionda die ganze Zeit gemacht? Sie hat Roth nicht gesehen! War Roth immer nur Spiegel, in dem Bionda sich sonnen wollte? Natürlich war Roth bereit, diesen Wunsch zu erfüllen, das gehört für sie zu Freundschaft. Bionda wollte Anerkennung und Bewunderung, na dann, solchen Wünschen nachzukommen war für Roth kein Problem. Roth weiß nicht genau, was sie von ihren Freundinnen will, aber sicher will sie gesehen werden. Und sie will keineswegs mit Vorwürfen konfrontiert werden, die so abwegig sind, dass sie kotzen könnte. Das Haus ihrer Freundschaft fällt ihr hier und jetzt aus der Hand und zerschellt am Boden. Roth, immer noch schweigend, hört es klirren, sieht auf das Malheur, wendet sich ab und geht, ohne Abschied, mit ihrem Bier, zurück zu ihrer neuen Familie. Ob die sie sehen können, oder wollen? Diese Frage schüttelt sie auf dem kurzen Weg zu ihren Leuten, quer durchs Lokal, ganz schnell ab. Diese Frage würde ihre Abgründe wieder auftun. Keinesfalls! Sie will Leben. Sie will Spaß haben. Sie will sich verbunden fühlen. Und sie will vertrauen haben, dass ihre Leute sich so sehr für sie interessieren, dass sie genau hinschauen.

Noch nie hat sie das Ende einer Freundschaft so schmerzlich und so präsent empfunden. Noch nie hat sie sowas so kampflos hingenommen. Man könnte meinen, sie macht sich zum Opfer. Aber sie fühlt sich als Täterin: sprachlos, kampflos und doch aktiv.

Sonntag, 22. März 2015

IG Farben eine Hausbesetzung

Eine Hausbesetzung! Wow! Endlich! Das war alles so geil und aufregend! Puh. Die letzten Tage…richtig gut! Es fing an mit einer Reihe von Demos. Roth war wieder mit Brunella unterwegs, ist ja bekannt, die anderen Mädels sind keine Straßenkämpfer. Kurt, Bernd und der Andere waren auch dabei, also war Roth gut eingebettet und konnte alles unbeschwert genießen. Ja, die schönen Demos… es war Adventszeit, also war die Stadt voll mit kaufwütigen Wahnsinnigen, die übellaunig ihr Geld zum Fenster rauswarfen. Darum ging es bei den Demos. Jeden Samstag zogen sie in die Stadt. Motto: „Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!“ Vorher gab es immer ein Treffen in der „Erbse“. Das ist die Edel-Ausgabe der besetzten Häuser in der Stadt. Da wohnen viele große Herren der Szene. Da wird Politik gemacht, intellektuell palavert, das ist Roths siebter Himmel, da will sie hin. Also jeden Samstag früh dort treffen, sich schön machen (das heißt vermummen) und dann alle zusammen los zur „Kaufrausch- Demo“ Das hat richtig Spaß gemacht. Bei der letzten Demo, am 4. Adventssamstag haben sie sich richtig aufgebrezelt. So als Monster vermummt. Kurt und Bernd waren die Hauptdarsteller. Bernd war so eine Art Gollum und Kurt ein leprakranker Quasimodo.  Die Zwei robbten und humpelten, krabbelten und grunzten vor einem Mönch in Kutte herum, der Schwachsinn predigte und immer wieder skandierte der ganze Pulk „Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!“ War das ein Spaß! Roth war neidisch auf Bernd und Kurt, wegen ihrer Hauptrolle. Die Bullen waren sehr beschäftigt, aber die Demonstranten haben, wider Erwarten, nichts Böses gemacht. Also forderten die Bullen die Demonstranten einzeln auf, ihre Vermummung abzulegen. Das war aber oft nur Quark mit Leinsamen im Gesicht. Ist das eine Vermummung? Bulle, gib mir deinen Spachtel, damit mein Gesicht wieder zum Vorschein kommt!
Dieses Spektakel haben einige andere Leute genutzt, um ganz unöffentlich ein leerstehendes Haus zu besetzen. Roth war traurig, dass sie nicht dabei war, aber sie konnte halt nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Schon am Nachmittag ging sie hin, um zu schauen, was da so los war, wer da war und so weiter. Ho! Da waren tolle Leute. Tolle Stimmung. Roth saß einige Zeit in der Küche herum, dann machte sie sich an das überquellende Waschbecken. Erstmal abwaschen. So schleimt man sich ein. Bernd und Kurt haben gleich gesagt, dass sie da einziehen wollen. Roth wollte auch mit! Da gab es Leute, die sagten, man kann nicht zwischen zwei besetzten Häusern hin- und herziehen. Warum eigentlich nicht? Fragte sich Roth, was spricht dagegen? Sie wollte unbedingt dabei sein. Da waren ein paar von den ganz großen Herren eingezogen. Das gäbe „eins rauf“ für Roth. Wenn sie mit denen unterwegs wäre, dann würde sie endlich respektiert, dachte sie, hoffte sie. Sie ließ sich noch einige Tage Zeit, dann ging sie zum Plenum und sagte, mit klopfendem Herzen, dass sie einziehen will. Stille. Dann sagte der Rolf, den sie uunheimlich toll findet mit einem Achselzucken: „naja, dann zieh doch ein!“ Seliges Kribbeln breitete sich in ihr aus, mit einem kleinen Grinsen und auch Achselzucken, sagte sie nur „ockkay“
So war das. Jetzt ist sie am Ziel ihrer Träume angelangt. In dem Haus wohnen 25 Leute. Das sind keine WGs oder so, alle Essen zusammen und bestreiten ihren Alltag zusammen. Es ist immer was los. Es kommt auch viel Besuch. Wann immer Roth in die Küche geht, sitzt da schon jemand. So kann sie ihrem inneren Abgrund für immer entfliehen. Den tollen Kerlen kann sie sich ganz behutsam nähern. Sie wird gesehen und akzeptiert, so wie sie ist. Sie ist glücklich und eine echte Gruppensau.
Der Winter ist kalt. Ein Glück gibt es in dem Haus genügend Leute, die sich mit Organisation gut auskennen. Das Haus muss winterfest gemacht werden. Wasser und Elektrizität müssen her. Es braucht Öfen, kaputte Scheiben müssen ersetzt werden, Holz muss rangeschafft werden. Roth hilft, wo sie kann. Sie ist ein Honk. Helfer ohne nennenswerte Kenntnisse. In der Not wäscht sie wieder ab, um sich einzubringen. Der Winter ist sehr kalt. Minus 18 Grad, das ist in dieser Stadt ungewöhnlich. Der Weg ins VZ ist jetzt weit. Wenn sie von dort mitten in der Nacht nach Hause kommt, ist das Blut in ihrem dicken Hintern gefroren. Dann missbraucht sie Kurt als Heizöfle. Ja sie hat von Bernd zu Kurt gewechselt.

 Sie musste Bernd natürlich mitnehmen. Wenn schon mal einer ganz offensichtlich auf sie abfährt, kann sie das nicht vorbeiziehen lassen. Aber sie fühlte sich von Bernd nicht erkannt. Sie war auf einem Sockel, konnte sich dort nicht bewegen, im Bett konnte sie sich auch nicht bewegen, weil sie mit ihren Ängsten beschäftigt war. Nach kurzer Zeit hatte sie genug davon, um es Bernd ordentlich reinzudrücken, hat sie Kurt schwer angebaggert und in ihr Bett gezerrt. Das hat soweit gut geklappt, aber Kurt ist, wider Erwarten, an ihr kleben geblieben. Das nimmt sie nun gerne in Kauf. Er entspricht nicht ihrem Beuteschema, aber vorübergehend ist das ganz ok. Er ist amüsant und immer da, wenn sie ihn braucht. Eben auch als Heizöfle. Mit dem kalten Arsch könnte sie niemals einschlafen. So geht es ihr richtig gut. In dem Haus sind einige Leute, die sie vorher nicht kannte. Viele von denen sind supergut drauf. Roth fühlt sich wie ein Tanzkreisel. Sie ist voll beschäftigt: die Bindung an Kurt und Bernd vertiefen, mit den vielen neuen Leuten richtig abfeiern, sich gegenüber den großen Herren ordentlich positionieren. Sie arbeitet sich in kurzer Zeit in die Mitte der Gruppe vor. Nachts laufen sie mit vielen Leuten den Weg ins VZ. Im VZ ist sie die Königin, sie kann Freibier besorgen, geht, wenn sie will, hinter die Theke, zeigt ihren neuen Freunden ihre alten Freunde. Und dann brennt es.

Freitag, 13. März 2015

IG Farben krass krank alles


Ach du Gott ach ne, was ist das nur für eine komische Welt in der Blues lebt. Gestern im VZ, das war wieder so erschreckend. Also, es ist ja so: man kommt rein, dann geht gegenüber die Treppe runter in den Keller, links geht es in das cräsh, halb links ist das kleine Schickeria, nach rechts geht’s ins Cafe. Dieser Verteilungsflur, in den man reinkommt ist auch groß. Da ist auch öfter mal was los, weil so viele Leute auf der Suche nach Spaß hin und her rennen. Die Punx  versuchen ihr cräsh für sich zu behalten, sie gucken jeden schräg an, von dem sie meinen, dass er da nicht hingehört. Aber das klappt nicht so, wie sie es gerne hätten. Neben der Tür, an der Wand steht groß „off limits für Roth“, weil die den Punx beim Plenum immer die Meinung geigt (oder heißt es flötet?), andererseits, jemand der sich  an ihrem Dosenbier ordentlich volllaufen lässt, ist immer willkommen, die Punx sind geldgeil. Naja, jedenfalls wollte Blues gestern vom Cafe ins cräsh laufen, da war im Flur eine große Menschenmenge, sie kam nicht voran. Beim näheren Hinsehen erwies sie sich als Zuschauerpulk. In der Mitte prügelten sich zwei Typen. Also prügeln wäre ja ok gewesen, das waren zwei riesige Kerle mit Glatzen und Bomberjacken (solche sieht man im VZ nicht oft), beide hatten riesige Ketten in der Hand, vielleicht 50 cm lang, mit denen schlugen sie aufeinander ein. Blues bekam sofort weiche Knie, als sie das sah. So schräge Typen…wollen die sich hier gegenseitig totschlagen? Was machen die ganzen Gaffer hier? Wollen die Blut sehen? Will da jemand mal einschreiten und denen sagen, dass sie sich woanders prügeln sollen, dass das hier keiner haben will?
Da waren schon letzte Woche welche da, die völlig unnötig waren. Mitten im Feiern hieß es, alle mal vor die Tür, es gibt einen Angriff. Angriff? Fragte sich Blues, was ist das schon wieder? Als sie auf den Hof kam, standen da vielleicht hundert Leute, Hasslacher, hieß es. Denen gegenüber stand der dicke Georg, der spielt sich gerne mal in den Vordergrund, er wollte mit ihnen reden. Alle anderen sammelten sich erstmal an der Tür und beobachteten. Georg stand so weit vorne, man konnte ihn reden hören, aber nicht verstehen, was er sagt. Plötzlich stand Georg in einem Flammensee. Jemand hatte einen Molli geworfen. Blues erschrak bis ins Mark, aber das war sehenswert: der dicke Georg, der sonst oft ein bisschen schwerfällig wirkt, machte aus dem Stand einen eleganten und weiten Sprung zur Seite und rieb seine brennenden Schuhe im Staub ab. Was eben noch überaus bedrohlich wirkte, hatte er ganz locker bewältigt. Die Hasslacher sind wohl genauso erschrocken wie Blues und als Georg wie ein strenger Vater auf sie einschimpfte, zogen sie bald ab. Was in Blues übrig blieb, war die Erkenntnis von Verletzlichkeit. Das VZ hat viele Feinde und die können sich jederzeit zusammenrotten.
Ja, Verletzlichkeit! Da war noch was, die Tage, was sie mehr und mehr erschreckt. Zuerst haben nur die Schwulen drüber geredet. Sie sehen es als Attacke auf ihre Lebensweise. Es heißt der amerikanische Geheimdienst habe es in die Welt gesetzt. Manche sagen es kommt aus Afrika. Typisch, denkt Blues, alles Schlechte kommt aus Afrika. Es ist eine neue Geschlechtskrankheit. Sie nennen es Aids. Gerüchte, Gerüchte, aber alles ganz beängstigend. Keiner weiß was genaues, aber alle reagieren drauf. Sie waren doch gerade sexuell befreit und jetzt das! Man könnte den Schwulen recht geben, das kommt doch von oben! Man könnte auch meinen, es kommt von den Kondomherstellern. Hätte Blues zuviel Geld, sie würde es in Kondomaktien investieren. In allen Wohnungen stehen jetzt Einweckgläser mit Kondomen. Lustig! Noch vor wenigen Wochen war das ein Riesenact, einen Kerl davon zu überzeugen ein Kondom zu benutzen. Das war so als würde ihm der Schwanz abfallen, müsste er ein Kondom überstülpen. Aber nein! Das ist alles nicht lustig! Angst geht um. Diese Angst entsexualisiert alle. Naja, viele. Die anderen beeinflusst es aber auch. Bis vor kurzem ging es nur um Lust. Lust geht gut nonverbal, jetzt geht es immer auch um Angst. Lust und Angst zusammen, da muss man reden. Sex ist plötzlich problematisch und wenn einer anders damit umgeht, dann ist es auch komisch. Blues sagt ihren Freundinnen nicht, dass es für sie kein so großes Problem ist. Für Blues ist Sexualität etwas sehr privates. Sie würde mit dem Thema niemals so hausieren gehen, wie es beispielsweise Bionda tut. Blues ist schüchtern und zurückhaltend, aber das ist eines ihrer vielen Geheimnisse. Blues verbringt gerne ihre Zeit mit den Freundinnen, aber in vielerlei Hinsicht unterscheidet sie sich von den anderen. Schon klar, sie sind alle Individuen und Bionda hat die Deutungshoheit, legt meistens fest, was so angesagt ist. Alle nehmen das hin und jede macht auf ihre Art ihr Ding. Blues schlägt sich mit ihrem Witz durch. Damit hält sie alle und alles auf Distanz, braucht sich über ihre Eigenheiten nicht auseinanderzusetzen, kann sich immer mit einem Scherz rausretten. Das ist vielleicht auch einer der Gründe für ihre vielen Verehrer. Also Blues sieht schon auch gut aus, sie hat lange Beine und ordentlich Holz vor der Hütte, das haben die anderen nicht. Aber sie ist keine Schönheit, wie Violet und hat auch nicht so ein einnehmende Wesen wie Bionda, aber wohl am meisten Verehrer. Blues macht es ihrer Umgebung leicht sie zu mögen. Sie ist immer unbeschwert und zum Scherzen aufgelegt. Ihre auffällige Distanz weckt vielleicht den Wunsch sich ihr zu nähern. So ein Pulk Verehrer macht das Leben aber auch nicht leichter. Das sind ja alles nette Jungs, aber keiner dabei, der sie vom Hocker reißt. Und da unterscheidet sie sich eben von den anderen. Die Mädels würden nun einen nach dem anderen in ihr Bett zerren, um zu schauen, was er so hergibt. Sowas mag Blues nicht. Sie weiß, wenn sie sich auf einen einlässt, kommt sie nicht mehr los, dann ist verletzlich, hat eine Pforte aufgemacht, die sie nicht mehr zukriegt. Deswegen hat sie ziemlich selten Sex und wenn sie welchen hat, dann verhütet sie mit Kondom. Also ist AIDS für sie kein so großes Problem.

Eigentlich ist Blues völlig unpolitisch, aber hier sieht sie dann doch mal die gesellschaftliche Relevanz. Das wird die Welt verändern! Die gängigen Sprüche: wer 2x mit der gleichen pennt gehört schon zum Establishment. Blues ist bestimmt keine Emanze, trotzdem hört sie  das Frauenfeindliche an dem Spruch. Aber darum geht’s jetzt grad nicht. Sexualität war mit Mühe frei vom Mottengeruch der letzten Generationen. Freud hätte vielleicht seine Freude gehabt: es ging nur noch um Lust, eigentlich. Und nun das! Angst und Sexualität passen nicht zusammen