Sonntag, 22. März 2015

IG Farben eine Hausbesetzung

Eine Hausbesetzung! Wow! Endlich! Das war alles so geil und aufregend! Puh. Die letzten Tage…richtig gut! Es fing an mit einer Reihe von Demos. Roth war wieder mit Brunella unterwegs, ist ja bekannt, die anderen Mädels sind keine Straßenkämpfer. Kurt, Bernd und der Andere waren auch dabei, also war Roth gut eingebettet und konnte alles unbeschwert genießen. Ja, die schönen Demos… es war Adventszeit, also war die Stadt voll mit kaufwütigen Wahnsinnigen, die übellaunig ihr Geld zum Fenster rauswarfen. Darum ging es bei den Demos. Jeden Samstag zogen sie in die Stadt. Motto: „Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!“ Vorher gab es immer ein Treffen in der „Erbse“. Das ist die Edel-Ausgabe der besetzten Häuser in der Stadt. Da wohnen viele große Herren der Szene. Da wird Politik gemacht, intellektuell palavert, das ist Roths siebter Himmel, da will sie hin. Also jeden Samstag früh dort treffen, sich schön machen (das heißt vermummen) und dann alle zusammen los zur „Kaufrausch- Demo“ Das hat richtig Spaß gemacht. Bei der letzten Demo, am 4. Adventssamstag haben sie sich richtig aufgebrezelt. So als Monster vermummt. Kurt und Bernd waren die Hauptdarsteller. Bernd war so eine Art Gollum und Kurt ein leprakranker Quasimodo.  Die Zwei robbten und humpelten, krabbelten und grunzten vor einem Mönch in Kutte herum, der Schwachsinn predigte und immer wieder skandierte der ganze Pulk „Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!“ War das ein Spaß! Roth war neidisch auf Bernd und Kurt, wegen ihrer Hauptrolle. Die Bullen waren sehr beschäftigt, aber die Demonstranten haben, wider Erwarten, nichts Böses gemacht. Also forderten die Bullen die Demonstranten einzeln auf, ihre Vermummung abzulegen. Das war aber oft nur Quark mit Leinsamen im Gesicht. Ist das eine Vermummung? Bulle, gib mir deinen Spachtel, damit mein Gesicht wieder zum Vorschein kommt!
Dieses Spektakel haben einige andere Leute genutzt, um ganz unöffentlich ein leerstehendes Haus zu besetzen. Roth war traurig, dass sie nicht dabei war, aber sie konnte halt nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Schon am Nachmittag ging sie hin, um zu schauen, was da so los war, wer da war und so weiter. Ho! Da waren tolle Leute. Tolle Stimmung. Roth saß einige Zeit in der Küche herum, dann machte sie sich an das überquellende Waschbecken. Erstmal abwaschen. So schleimt man sich ein. Bernd und Kurt haben gleich gesagt, dass sie da einziehen wollen. Roth wollte auch mit! Da gab es Leute, die sagten, man kann nicht zwischen zwei besetzten Häusern hin- und herziehen. Warum eigentlich nicht? Fragte sich Roth, was spricht dagegen? Sie wollte unbedingt dabei sein. Da waren ein paar von den ganz großen Herren eingezogen. Das gäbe „eins rauf“ für Roth. Wenn sie mit denen unterwegs wäre, dann würde sie endlich respektiert, dachte sie, hoffte sie. Sie ließ sich noch einige Tage Zeit, dann ging sie zum Plenum und sagte, mit klopfendem Herzen, dass sie einziehen will. Stille. Dann sagte der Rolf, den sie uunheimlich toll findet mit einem Achselzucken: „naja, dann zieh doch ein!“ Seliges Kribbeln breitete sich in ihr aus, mit einem kleinen Grinsen und auch Achselzucken, sagte sie nur „ockkay“
So war das. Jetzt ist sie am Ziel ihrer Träume angelangt. In dem Haus wohnen 25 Leute. Das sind keine WGs oder so, alle Essen zusammen und bestreiten ihren Alltag zusammen. Es ist immer was los. Es kommt auch viel Besuch. Wann immer Roth in die Küche geht, sitzt da schon jemand. So kann sie ihrem inneren Abgrund für immer entfliehen. Den tollen Kerlen kann sie sich ganz behutsam nähern. Sie wird gesehen und akzeptiert, so wie sie ist. Sie ist glücklich und eine echte Gruppensau.
Der Winter ist kalt. Ein Glück gibt es in dem Haus genügend Leute, die sich mit Organisation gut auskennen. Das Haus muss winterfest gemacht werden. Wasser und Elektrizität müssen her. Es braucht Öfen, kaputte Scheiben müssen ersetzt werden, Holz muss rangeschafft werden. Roth hilft, wo sie kann. Sie ist ein Honk. Helfer ohne nennenswerte Kenntnisse. In der Not wäscht sie wieder ab, um sich einzubringen. Der Winter ist sehr kalt. Minus 18 Grad, das ist in dieser Stadt ungewöhnlich. Der Weg ins VZ ist jetzt weit. Wenn sie von dort mitten in der Nacht nach Hause kommt, ist das Blut in ihrem dicken Hintern gefroren. Dann missbraucht sie Kurt als Heizöfle. Ja sie hat von Bernd zu Kurt gewechselt.

 Sie musste Bernd natürlich mitnehmen. Wenn schon mal einer ganz offensichtlich auf sie abfährt, kann sie das nicht vorbeiziehen lassen. Aber sie fühlte sich von Bernd nicht erkannt. Sie war auf einem Sockel, konnte sich dort nicht bewegen, im Bett konnte sie sich auch nicht bewegen, weil sie mit ihren Ängsten beschäftigt war. Nach kurzer Zeit hatte sie genug davon, um es Bernd ordentlich reinzudrücken, hat sie Kurt schwer angebaggert und in ihr Bett gezerrt. Das hat soweit gut geklappt, aber Kurt ist, wider Erwarten, an ihr kleben geblieben. Das nimmt sie nun gerne in Kauf. Er entspricht nicht ihrem Beuteschema, aber vorübergehend ist das ganz ok. Er ist amüsant und immer da, wenn sie ihn braucht. Eben auch als Heizöfle. Mit dem kalten Arsch könnte sie niemals einschlafen. So geht es ihr richtig gut. In dem Haus sind einige Leute, die sie vorher nicht kannte. Viele von denen sind supergut drauf. Roth fühlt sich wie ein Tanzkreisel. Sie ist voll beschäftigt: die Bindung an Kurt und Bernd vertiefen, mit den vielen neuen Leuten richtig abfeiern, sich gegenüber den großen Herren ordentlich positionieren. Sie arbeitet sich in kurzer Zeit in die Mitte der Gruppe vor. Nachts laufen sie mit vielen Leuten den Weg ins VZ. Im VZ ist sie die Königin, sie kann Freibier besorgen, geht, wenn sie will, hinter die Theke, zeigt ihren neuen Freunden ihre alten Freunde. Und dann brennt es.

Freitag, 13. März 2015

IG Farben krass krank alles


Ach du Gott ach ne, was ist das nur für eine komische Welt in der Blues lebt. Gestern im VZ, das war wieder so erschreckend. Also, es ist ja so: man kommt rein, dann geht gegenüber die Treppe runter in den Keller, links geht es in das cräsh, halb links ist das kleine Schickeria, nach rechts geht’s ins Cafe. Dieser Verteilungsflur, in den man reinkommt ist auch groß. Da ist auch öfter mal was los, weil so viele Leute auf der Suche nach Spaß hin und her rennen. Die Punx  versuchen ihr cräsh für sich zu behalten, sie gucken jeden schräg an, von dem sie meinen, dass er da nicht hingehört. Aber das klappt nicht so, wie sie es gerne hätten. Neben der Tür, an der Wand steht groß „off limits für Roth“, weil die den Punx beim Plenum immer die Meinung geigt (oder heißt es flötet?), andererseits, jemand der sich  an ihrem Dosenbier ordentlich volllaufen lässt, ist immer willkommen, die Punx sind geldgeil. Naja, jedenfalls wollte Blues gestern vom Cafe ins cräsh laufen, da war im Flur eine große Menschenmenge, sie kam nicht voran. Beim näheren Hinsehen erwies sie sich als Zuschauerpulk. In der Mitte prügelten sich zwei Typen. Also prügeln wäre ja ok gewesen, das waren zwei riesige Kerle mit Glatzen und Bomberjacken (solche sieht man im VZ nicht oft), beide hatten riesige Ketten in der Hand, vielleicht 50 cm lang, mit denen schlugen sie aufeinander ein. Blues bekam sofort weiche Knie, als sie das sah. So schräge Typen…wollen die sich hier gegenseitig totschlagen? Was machen die ganzen Gaffer hier? Wollen die Blut sehen? Will da jemand mal einschreiten und denen sagen, dass sie sich woanders prügeln sollen, dass das hier keiner haben will?
Da waren schon letzte Woche welche da, die völlig unnötig waren. Mitten im Feiern hieß es, alle mal vor die Tür, es gibt einen Angriff. Angriff? Fragte sich Blues, was ist das schon wieder? Als sie auf den Hof kam, standen da vielleicht hundert Leute, Hasslacher, hieß es. Denen gegenüber stand der dicke Georg, der spielt sich gerne mal in den Vordergrund, er wollte mit ihnen reden. Alle anderen sammelten sich erstmal an der Tür und beobachteten. Georg stand so weit vorne, man konnte ihn reden hören, aber nicht verstehen, was er sagt. Plötzlich stand Georg in einem Flammensee. Jemand hatte einen Molli geworfen. Blues erschrak bis ins Mark, aber das war sehenswert: der dicke Georg, der sonst oft ein bisschen schwerfällig wirkt, machte aus dem Stand einen eleganten und weiten Sprung zur Seite und rieb seine brennenden Schuhe im Staub ab. Was eben noch überaus bedrohlich wirkte, hatte er ganz locker bewältigt. Die Hasslacher sind wohl genauso erschrocken wie Blues und als Georg wie ein strenger Vater auf sie einschimpfte, zogen sie bald ab. Was in Blues übrig blieb, war die Erkenntnis von Verletzlichkeit. Das VZ hat viele Feinde und die können sich jederzeit zusammenrotten.
Ja, Verletzlichkeit! Da war noch was, die Tage, was sie mehr und mehr erschreckt. Zuerst haben nur die Schwulen drüber geredet. Sie sehen es als Attacke auf ihre Lebensweise. Es heißt der amerikanische Geheimdienst habe es in die Welt gesetzt. Manche sagen es kommt aus Afrika. Typisch, denkt Blues, alles Schlechte kommt aus Afrika. Es ist eine neue Geschlechtskrankheit. Sie nennen es Aids. Gerüchte, Gerüchte, aber alles ganz beängstigend. Keiner weiß was genaues, aber alle reagieren drauf. Sie waren doch gerade sexuell befreit und jetzt das! Man könnte den Schwulen recht geben, das kommt doch von oben! Man könnte auch meinen, es kommt von den Kondomherstellern. Hätte Blues zuviel Geld, sie würde es in Kondomaktien investieren. In allen Wohnungen stehen jetzt Einweckgläser mit Kondomen. Lustig! Noch vor wenigen Wochen war das ein Riesenact, einen Kerl davon zu überzeugen ein Kondom zu benutzen. Das war so als würde ihm der Schwanz abfallen, müsste er ein Kondom überstülpen. Aber nein! Das ist alles nicht lustig! Angst geht um. Diese Angst entsexualisiert alle. Naja, viele. Die anderen beeinflusst es aber auch. Bis vor kurzem ging es nur um Lust. Lust geht gut nonverbal, jetzt geht es immer auch um Angst. Lust und Angst zusammen, da muss man reden. Sex ist plötzlich problematisch und wenn einer anders damit umgeht, dann ist es auch komisch. Blues sagt ihren Freundinnen nicht, dass es für sie kein so großes Problem ist. Für Blues ist Sexualität etwas sehr privates. Sie würde mit dem Thema niemals so hausieren gehen, wie es beispielsweise Bionda tut. Blues ist schüchtern und zurückhaltend, aber das ist eines ihrer vielen Geheimnisse. Blues verbringt gerne ihre Zeit mit den Freundinnen, aber in vielerlei Hinsicht unterscheidet sie sich von den anderen. Schon klar, sie sind alle Individuen und Bionda hat die Deutungshoheit, legt meistens fest, was so angesagt ist. Alle nehmen das hin und jede macht auf ihre Art ihr Ding. Blues schlägt sich mit ihrem Witz durch. Damit hält sie alle und alles auf Distanz, braucht sich über ihre Eigenheiten nicht auseinanderzusetzen, kann sich immer mit einem Scherz rausretten. Das ist vielleicht auch einer der Gründe für ihre vielen Verehrer. Also Blues sieht schon auch gut aus, sie hat lange Beine und ordentlich Holz vor der Hütte, das haben die anderen nicht. Aber sie ist keine Schönheit, wie Violet und hat auch nicht so ein einnehmende Wesen wie Bionda, aber wohl am meisten Verehrer. Blues macht es ihrer Umgebung leicht sie zu mögen. Sie ist immer unbeschwert und zum Scherzen aufgelegt. Ihre auffällige Distanz weckt vielleicht den Wunsch sich ihr zu nähern. So ein Pulk Verehrer macht das Leben aber auch nicht leichter. Das sind ja alles nette Jungs, aber keiner dabei, der sie vom Hocker reißt. Und da unterscheidet sie sich eben von den anderen. Die Mädels würden nun einen nach dem anderen in ihr Bett zerren, um zu schauen, was er so hergibt. Sowas mag Blues nicht. Sie weiß, wenn sie sich auf einen einlässt, kommt sie nicht mehr los, dann ist verletzlich, hat eine Pforte aufgemacht, die sie nicht mehr zukriegt. Deswegen hat sie ziemlich selten Sex und wenn sie welchen hat, dann verhütet sie mit Kondom. Also ist AIDS für sie kein so großes Problem.

Eigentlich ist Blues völlig unpolitisch, aber hier sieht sie dann doch mal die gesellschaftliche Relevanz. Das wird die Welt verändern! Die gängigen Sprüche: wer 2x mit der gleichen pennt gehört schon zum Establishment. Blues ist bestimmt keine Emanze, trotzdem hört sie  das Frauenfeindliche an dem Spruch. Aber darum geht’s jetzt grad nicht. Sexualität war mit Mühe frei vom Mottengeruch der letzten Generationen. Freud hätte vielleicht seine Freude gehabt: es ging nur noch um Lust, eigentlich. Und nun das! Angst und Sexualität passen nicht zusammen

Freitag, 6. März 2015

IG Farben: Einsilbige Jungs

Da sind neue Jungs aufgetaucht. Jung, nett und energiegeladen wirken die. Das ist auf jeden Fall eine Bereicherung. Meistens sind sie zu dritt. Der Eine ist so normal, dass man sich weder sein Gesicht noch seinen Namen merken kann. Der Zweite heißt Bernd. Dieses Gesicht ist alles andere als normal. Er sieht aus wie ein jugendlicher Neandertaler. Aber unheimlich nett. Ach ja, ein Hippie-Neandertaler. Lustiger Typ! Sehr viel Energie, er will das VZ völlig umkrempeln, hat 1000 Ideen, was man alles machen könnte. Er hat ein Auge auf Roth geworfen, hat sich von ihr seine Haare blau färben lassen. Das sieht vielleicht urig aus: lange, blaue Hippie-Haare. Jetzt haben wir also die grüne Roth und den blauen Bernd. Der Dritte im Bunde ist auch der Hammer. Der sieht aus wie der hinterste Waldschrat. Aber gar nicht finster. Nach einer hohen Stirn beginnen wilde Haare, die in alle Richtungen abstehen. Vor den Augen steckt eine dicke runde Brille und vor dem Rest des Gesichts steht ein riesiger Bart. Bei all dem hat er eine ganz freundliche Ausstrahlung. Wenn er sich bewegt merkt man vom Waldschrat auch nichts mehr, er bewegt sich fließend und flott. Wenn er tanzt sind alle beeindruckt, dann sind seine Bewegungen so elegant und leicht, jetzt kein Akrobat, aber doch als hätte er weniger Schwerkraft zu überwinden. Das ist der Kurt und er hat sich in Blues Fanclub eingereiht. Violet findet es ein bisschen verwirrend, dass keiner auf sie abfährt, aber naja, die sind eh beide nicht ihr Typ. Und, natürlich, die Jungs machen auch eine Theke, die andere Woche von den Schwulen und als pendant zur Mädelstheke nennen sie sich Bubitheke. Jetzt ist das VZ-Cafe schon an vielen Tagen offen. Manchmal, wenn sie Lust haben, machen Buben und Mädchen zusammen noch samstags auf. Was dabei raus kommt, ist dass sie sich noch öfter für Umme zusaufen, dass das VZ viel Geld hat und dass die großen Herren der Szene ein sorgenvolles Gesicht machen. Das VZ wurde vor Jahren ja auch mal besetzt. Das Haus gehört zum Institut für osteuropäische Geschichte, also der Uni. Es ist riesengroß und war damals ungenutzt. Von einer Demo aus zog eine große Menschenmenge zur Besetzung. Das hat alles gut geklappt damals, die Idee eines Zentrums: Veranstaltungen, Kommunikation, Trainingsräume, eben Platz für alles, was so eine Szene braucht. Dass eine Szene nur billigen Alk braucht war nicht der Gedanke der Macher. Aber wenn Geld gebraucht wird, zum Beispiel für Anwälte, oder so, dann ist das VZ-Plenum doch der erste Ansprechpartner.
Nun sind also diese Energie-Jungs auch beim Plenum und wollen ständig was machen. Naja, zu tun gibt es wirklich genug. Die Urinale auf dem Klo sind verstopft. Außerdem ist der Weg zum Klo für die Leute aus dem cräsh weit. Es gibt also welche, die gehen zum Pissen in den Keller (immer noch besser als zum Lachen in den Keller zu gehen). Violet schaut sich das nicht an, aber man hört, dass da unten die Pisse knietief steht. Andere gehen zum Pissen vor die Tür. Wenn man rauskommt dann ist links eine dunkle Ecke. Da pissen viele einfach hin. Bei Regenwetter stinkt der ganze Hof danach. Kurt, Bernd und der Andere meinen da müsste man was machen. Die Mädels sind ja nun nicht die großen Handwerker, aber sie sind bei diesen nachmittags Terminen natürlich dabei. In einer Hand ein Besen, in der anderen ein Bier, schaut Violet mit genügend Abstand zu, wie sich einige Leute am Urinal zu schaffen machen. Der Wolfgang, einer von den Freitags- Rockern hält das randvolle Becken, während der Thomas von den Schwulen an der Wandhalterung schraubt. Plötzlich löst sich das Urinal aus der Wand. Literweise ergießt sich gelbbraune Flüssigkeit über Wolfgang. Er springt zurück und lässt das Becken fallen, was die Situation deutlich verschlimmert. Zuerst floss die Suppe nur über seine Beine, aus dem Becken spritzt es fast bis zu seinem Gesicht. Fluchend lässt er alles stehen und liegen. Violet muss sich unglaublich anstrengen nicht laut loszuprusten. Sie schäumt über vor Schadenfreude. Der Wolfgang, so ein Hotelbesitzerinnensohn aus Konstanz. Psychologie Student. Ständig schlecht gelaunter Klugschwätzer. Wie geil, dass der Zwuckel das abgekriegt hat. Um sich zu beruhigen geht Violet nach draußen, zu der anderen Baustelle, die sie heute angefangen haben. Das stehen schon ihre Freundinnen, natürlich auch mit Bier. Sie schauen zu, wie Kurt und Bernd eine Pissrinne bauen. Nun stehen die vier Freundinnen also beisammen und übertrumpfen sich gegenseitig mit klugen Ratschlägen. Kurt und Bernd nehmen das gelassen, wie gesagt, wirklich nette Jungs. Das ist so simpel, das hätten sogar die Mädels geschafft. Aber es braucht dann doch erst solche Macher-Macker. Sie haben aus Zement einen abschüssigen Sockel gebastelt und darauf montieren sie ein längliches Blech. Einfach! Schwierig ist nur das Loch in der Hauswand und der Anschluss an das Abwasserrohr bei den Toiletten, das schlauerweise genau da innen verläuft. Die Mädels bleiben da, bis die Buben fertig sind. Es ist klar, die Anwesenheit von Blues und Roth beflügelt sie zu Höchstleistungen. Das ist die Art von Einsatz, den die Mädels leisten, das VZ dankt es ihnen mit Bier. Deal!

Nach getaner Arbeit hat der Abend noch gar nicht angefangen aber die Mädels sind jetzt richtig durstig. Sie holen von oben eine Kiste Bier, die die Jungs nach Hause tragen. Der Bernd wohnt ja jetzt auch in dem besetzten Haus, auf dem gleichen Stockwerk wie Roth und Blues. Naja, kann man das wohnen nennen? Es gab da bisher eine ungenutzte „Kammer“, neben der Küche. Als Raum erkenntlich hauptsächlich wegen der Tür. Sonst nur Dachstuhl, kein richtiger Boden, kein Fenster, die blanken Dachziegeln. Bernd fragte, ob er da einziehen darf. Was soll man da sagen? Klar! Innerhalb kurzer Zeit hat Bernd einen richtig netten Raum daraus gemacht, alle waren schwer beeindruckt, was so möglich ist. Dort lassen sie sich nieder mit ihrer Kiste und verwandeln den Raum in eine Frisierstube. Das ist der Plan: Blues frisiert Bernd und Roth beschneidet Kurt. Spannung. Am Boden liegt ein großer Haufen blauer Haare und aus dem Hippie Neandertaler ist ein…ja was eigentlich… geworden? Roth hatte von Blues mehr erwartet. Bernds Haare sind jetzt fast alle einfach kurz. Nur vorne rechts fällt eine große Strähne ins Gesicht. Das sieht ziemlich bekloppt aus, aber Bernd trägt es mit stoischem Humor. Er sieht bescheuert aus, gleicht das aber mit einem geschmeidigen Lächeln wieder aus. Roths Job ist dankbarer. Sie schneidet dem Waldschrat einfach erstmal den Kopf kurz. Dann rasiert sie den Bart. Der Waldschrat verschwindet für immer, heraus kommt Kurt, das sieht ganz schön gut aus, aber Kurts Lächeln ist kein bisschen geschmeidig. Er hat seinen riesigen Bart jahrelang getragen, seine Mimik ist in diesem versteckten Gesicht völlig verloren gegangen. Seine untere Gesichtshälfte wirkt bloß, nackt und jungfräulich. Nach dem Haare schneiden sitzen sie in Bernds Kammer, leeren die Kiste und unterhalten sich. Aber Blues und Roth konzentrieren sich nicht richtig auf die Unterhaltung, sie sind beide eigentlich mit ihrem Werk beschäftigt. Und alle schauen auf Kurts Mund, wie der sich nackt der Welt präsentiert.

Freitag, 27. Februar 2015

IG Farben Komm wir wollen Freundinnen sein, für immer

Da gab es mal einen besonderen Abend, an den Bionda sich gerne erinnert. Bionda hat ja einen sehr skurrilen Drogendealer, der hier unbedingt erwähnt werden muss. Er heißt Günther, er ist viel jünger als er aussieht. Er war mal im Knast, dort ist er körperlich völlig fertig gemacht worden. Er steht auf Bionda, war ja klar, so bekommt sie alles, was sie braucht, entweder umsonst, oder zum Einkaufspreis. Bionda versteht sich gut darauf, ihn mit Lächeln und anderen Aufmerksamkeiten bei der Stange zu halten. Der Abend damals ist für Bionda der Beginn ihrer Freundschaft mit Roth. Alle tun immer so, als wären sie eine lockere Clique, aber so ist das nicht. Violet und Blues kommen aus der gleichen Gegend, ihr abgefahrener Dialekt verbindet sie. Bionda fühlt sich mehr und mehr mit Roth verbunden. Sie machen ja auch immer mehr zusammen. Ihre Feierzeit verbringen sie ja sowieso schon zusammen, oft zu viert. Aber Bionda und Roth gehen seit Oktober zusammen studieren, außerdem ist Roth schon vor einiger Zeit zu Biondas Theatergruppe hinzugestoßen. Also, es war so, dass Bionda Roth gefragt hat, ob sie nicht dazu kommen will. Roth hat sich da sehr gut eingefügt und hat super Ideen. Zuerst hat Roth Bionda geholfen ein Stück auswendig zu lernen. Ein 2 Frauen Stück von Slawomir Mrozek, es geht um Kommunikation. Dann haben sie beschlossen, es zusammen aufzuführen. Das ist nur so ein 15 Minuten Teil, das haben sie einfach eingebettet in ein riesiges Spektakel, das sie an der alten Uni im großen Saal dargeboten haben. Roth hat sich mehr und mehr eingebracht. Sie haben das Spektakel dreimal aufgeführt, am Ende war Roth in fast jeder Szene dabei und hatte alles ordentlich aufgepeppt. Danach war die Theatergruppe gut bekannt und hätte mit einem Rülpskonzert den Audimax füllen können. Sie haben angefangen zu aktuellen Stadtthemen kleine Sachen zu inszenieren und im VZ, im Obergeschoss, aufzuführen. Als letztes ging es um eine neue Initiative der Stadtverwaltung: in der Innenstadt sitzen viele Punx herum, nun meinte die Stadtverwaltung, die Sitzbänke in der Innenstadt sollten entfernt werden, damit würden auch die Punx entfernt. Ein dankbares Thema. Ihre Gruppe machte daraus eine Winnetou-Persiflage. Bionda verbrachte das Stück auf Roths Rücken, die ihr Pferd darstellte. Das war natürlich ganz ohne Anspruch, aber extrem lustig und die Zuschauer haben gejohlt. Das nächste Thema wollen sie singen, Carmen Melodien. Das könnte grausam für die Zuschauer werden. Viele einschlägige Ideen kommen von Roth. Roth ist für Bionda eine tolle Freundin, weil sie keine Konkurrenz ist. Sie rivalisieren nicht, dadurch kann Bionda sich ihr gut zuwenden. Die Sache hat leider einen Haken: Roth hat schon eine beste Freundin. Das ist so eine Zicke, wenn die ab und an mal auftaucht, sind die Mädels bei Roth abgeschrieben. Das ist verletzend für Bionda, aber, genau, der Drogenabend, da war Najiye, die Zicke auch dabei.
Also der Günther war da und hatte ein ganzes Löschblatt dabei,  genug für eine ganze Garnison. Der ewige Georg hatte sich selbst eingeladen, als er davon hörte. Damals hat Roth noch woanders gewohnt und ihre ganze WG mitgebracht. Abgesehen von Najiye sind das nette Leute, nämlich der Hans, der Martin, Brunella und der Marcellus. Marcellus war ganz offensichtlich in die kleine Zicke verliebt. Außerdem hatte Bionda noch ihrem Lieblingsbruder Bescheid gesagt. Der Günther ist ein echter Dealer, er hat zwar den Abend mit ihnen verbracht, aber selbst keinen Löschblattfitzel in den Mund gesteckt. Er hat sich eine Flasche Wodka mitgebracht, sich daraus bedient und zugeschaut, was so abgeht. Also waren sie neun Leute, die den Wahnsinn aus dem Löschblatt herausgekaut haben. Roth und Najiye waren Anfängerinnen. Roth war die Aufregung anzusehen, sie hatte die Augen weit aufgerissen, als sie sich das kleine Stück Löschblatt mit dem Stempel in den Mund schob. Die meisten waren ja sozusagen routiniert, also ging es bald zur Sache. Bionda, als Gastgeberin, gab die Gesetze des Abends heraus: immer gut drauf bleiben, darauf achten, dass genügend Kippen da sind, nicht auf den Fisch im Mund konzentrieren und so weiter.

Najiye zog sich bald mit Marcellus in Biondas Zimmer zurück. Das war Bionda ganz recht, dass die Alte sozusagen nicht mitfeiert. Wenn man in das Zimmer reinschaute, war das ein lustiges Bild. Najiye kauerte auf Biondas Bett und kaute auf ihrer Lippe. Offensichtlich überdachte sie den Lauf der Welt, oder versuchte zu entscheiden, ob Huhn oder Ei zuerst da war, oder ob Schiller oder Lessing der größere Dichter war. Marcellus saß vor ihr auf dem Boden und betrachtete sie andächtig. Man meinte in seinem Gesicht die aktuelle Entscheidung ablesen zu können: das ist die Frau meines Lebens und sie wird es für immer bleiben. Naja, Marcellus ist nicht Biondas Typ, also sollte er ruhig auf die Alte abfahren. In der Küche ging es richtig zur Sache. Georg, Roth und Bionda machten richtig was los. Freies Assoziieren auf LSD ist so frei und doch lässt sich alles verbinden, also fühlt man sich verbunden. Brunella, Martin und Biondas Bruder machten auch mit, aber sie waren nicht so aufgedreht und witzig. Der Abend würde super werden, das war schon nach kurzer Zeit klar. Inmitten von dem Getöse saß Hans ganz ruhig und dachte nach. Bionda fand das herausragend, wie konzentriert Hans war. Immer mal wieder kam  Najiye in die Küche gestürzt. Sie rannte zu Roth. Einmal tanzte sie glücklich herum und schrie „ich habs, ich habs“ und umarmte Roth. Ein anderes Mal kam sie heulend, schmiss sich in Roths offene Arme, todunglücklich „ich halts nicht mehr aus“ So ging das den halben Abend lang, mal so, mal so. Roth öffnete einfach die Arme, nahm hin, was da kam. Bionda will Roth auch als Freundin, das beschloss sie an diesem Abend. Was sie erst viel später merkte war, dass sie Najiye nicht verdrängen konnte. Bionda spielt bei Roth immer nur irgendeine Geige, aber keinesfalls die Erste. Irgendwann wurde ihnen die Küche zu eng und sie gingen raus. Die ganze Gruppe, das gab viel Energie und Sicherheit. Die Welt um sie herum war sehr verändert, aber in der Gruppe war das spaßig, aufregend und interessant. Brunella kletterte behände auf einen Baum. Dann saß sie da oben wie eine junge Katze, sie konnte nicht mehr runter. Biondas Bruder kletterte irgendwann rauf um sie zu retten, Bionda hätte Lust gehabt sie einfach dort sitzen zu lassen. Brunella nervt ja doch immer. Sie machten was her, sie waren laut, sie waren unterwegs. Anfänglich liefen sie durch das Stadtzentrum nach Norden. Es war toll, in so einer großen Gruppe, mitten in der Nacht in der leeren Stadt unterwegs zu sein. An jeder Litfasssäule  hielten sie an, um etwas zu entdecken, sich zu amüsieren. Sie hatten alle Zeit der Welt und nicht nur die Welt war komisch und verzerrt, auch die Zeit hatte ein ganz verzerrtes Tempo. Am folgenden Nachmittag fanden sie sich weit im Süden der Stadt wieder. Die Stadt ist nicht so groß, dass man Tage braucht sie abzulaufen. Keiner wusste, was sie die letzten Stunden getrieben haben, aber sie waren sicher, dass es lustig war. Langsam verzog sich das Gift aus ihren Körpern. Neben dem Wahn kam jetzt auch viel Erschöpfung. Die Turnseestraße war nah, dort konnten sie sich vor der Welt zurückziehen. Die Energie reichte nun nicht mehr um der fremden Welt die Stirn zu bieten. Sie  saßen im Zimmer von Hans und Martin zum Runterkommen.  Es war traurig den Wahn aufzugeben, aus diesem totalen Miteinander wieder zum Individuum zu werden. Aber alle waren so erschöpft, dass sie sich auch wünschten einfach Ausruhen zu können.

Sonntag, 22. Februar 2015

IG Farben An der Strasse


Roth war zu Besuch in der Drogen WG. Dazu muss sie 20 Kilometer nach Norden, ein echter Ausflug, denn sie trampt. Jetzt ist sie auf dem Rückweg, ganz erstaunlich, es war niemand zu Hause. Das ist ihr zum ersten Mal passiert. Schade eigentlich, da wohnen einige nette Jungs. Gewöhnlich setzt sie sich dort in die Küche und überlässt sich den Dingen. Meistens wird gekifft und palavert, manchmal bleibt sie über Nacht, oder sie fahren alle zusammen in die Stadt. Da steht sie jetzt am Straßenrand und fragt sich, was sie mit dem Tag anfangen soll. Ein hässlicher Opel Rekord mit einem jungen Typ hält an. Sie steigt ein, ohne zu fragen, der fährt doch sowieso in die Stadt. Sie fahren, quatschen ein bisschen, plötzlich spürt sie etwas im Nacken. Eine Pistole, sie soll ihm einen blasen. „Klar, mach ich, aber nimm die Pistole weg!“ Sie biegen ab, in die Weinberge, sie tut, was sie tun muss. Schwert schlucken.  Zurück an der Straße, steigt sie aus, sagt noch brav „Tschüss“ und  schlägt die Tür zu. Sie hält wieder den Daumen in den Wind und wundert sich, was ihr da gerade passiert ist. Oft reden sie zu Hause darüber, was Frau sein ausmacht. Roth hat sich zur These verstiegen: Jede Frau erlebt eine Schwangerschaft, eine Abtreibung und eine Vergewaltigung, bevor sie eine richtige Frau ist. Ob das so stimmt weiß sie gar nicht, aber nun hat sie einen Teil davon erlebt.  Sie steht da und überlegt, ob und wie sie es ihren Leuten erzählt.
Irgendwann am Abend ist der Moment richtig: „Ja, genau so was habe ich heute erlebt. Der hatte eine Waffe, was sollte ich machen….“ Und so erzählt sie die Tatsachen. Sie fühlt sich ein bisschen wie ein neues Clubmitglied. Die anderen regen sich auf, „hast Du Dir die Autonummer gemerkt?“ „Du musst zu den Bullen!“ Dass alle das so ernst nehmen, das tut ihr gut. Sie weiß gar nicht, wie sie das nehmen soll, sie wusste nur, sie hat was zu erzählen. Meistens neigt Roth dazu, ihre Geschichten noch ein bisschen auszuschmücken, nur so etwas Schliff, oder mehr Gewicht. Diese Geschichte hat 3 Worte und das ist alles. Sie ist ja so unfassbar blöd, sie hat sich die Autonummer nicht gemerkt und ok, morgen geht sie zu den Bullen. Wenn sie zu den Bullen geht….das macht die Geschichte so wirklich und so nah. Eigentlich ist alles schon so weit weg, als wäre es vor Monaten passiert.

Sie muss zur Kripo. Komischer Laden, die sehen alle gar nicht so richtig wie Bullen aus, sie verhalten sich auch nicht so. Alle sind ganz freundlich. Trotzdem ist Roth angespannt, sie kämpft um Glaubwürdigkeit, sie kämpft da mit sich selbst und die Bullen dürfen davon keinesfalls was merken. Ihre Geschichte soll kein einziges Fragezeichen über lassen. Der Kripotyp, der sich um sie kümmert, verhält sich total ok. Das ist keine Selbstverständlichkeit, die meisten Fremden verhalten sich ihr gegenüber abweisend. Roth weiß schon, dass das an ihr liegt, die Art, wie sie sich kleidet und die  Haare. Außerdem  ahnt sie, dass ihre Körperhaltung und ihr „feindliche-Welt-Gesicht“  noch eins obendrauf setzen. Sie fahren zusammen raus aus der Stadt, Roth soll genau zeigen, wo alles passiert ist und so. Sie halten an der Stelle am Fuß der Hügel, „gut geschätzt, genau 700 Meter, wie Du gesagt hast“, sagt er nach einem Blick auf den Tacho. Das tut ihr gut, sie kann sich das alles gar nicht mehr glauben. Er zeigt gar keine Zweifel, er macht die Geschichte wahr. Sie spürt gar nichts und nachdem sie die Weinberge  verlassen haben rutscht alles ganz schnell wieder in eine Traumwelt. Nach einigen Wochen wird sie abgeholt, sie soll zur Gegenüberstellung. Sie hat Herzklopfen. Ist das so? War das alles so? Wird sie den überhaupt erkennen? Sie kann sich gar nicht mehr erinnern. Sie darf jetzt ja keinen Falschen beschuldigen. Wieder der Kripotyp und wieder ist er ganz freundlich. Ganz in Ruhe erklärt er ihr das Setting: sie guckt durch Glas, ihr Gegenüber schaut zurück, sieht sie aber nicht, schaut in einen Spiegel. Roth hat schweißnasse Hände, beklemmend. Der Bulle legt ihr eine Hand auf die Schulter, „lass Dir Zeit“, sagt er. Bei ihm fühlt sie sich echt gut aufgehoben, er ist da, nicht zu nah, nicht väterlich. Von seitlich nähert sie sich vorsichtig dem Glas. Die Zweifel in ihrem Kopf werden immer lauter, sie zwingt sich. Sie sieht ihn direkt an, er schaut zurück, grinst ein bisschen. Sie hat gar nicht gemerkt, dass es sie 3 Schritte zurück gehauen hat. Der Bulle fängt sie auf und führt sie zu einem Stuhl. Sie keucht. „Alles ok?“ fragt er besorgt. Seine Fürsorge, oh Mann, echt gut. Sie überlegt, ob der wohl eine Freundin hat. Alle möglichen Gedanken sind jetzt gut, nur ganz schnell das Gesicht vergessen, das sie eben angeschaut hat.

Sonntag, 15. Februar 2015

IG Farben Kinderkram

Was ist das nur für eine Scheiße. Blues läuft ziellos durch die Straßen. Einfach nur erstmal laufen. Sie muss ihre Gedanken ordnen, aber die purzeln alle durcheinander. Sie hatte schon geahnt, was der Arzt ihr eben bestätigt hat. Trotzdem scheint die Sonne jetzt mit anderem Licht, die Welt hat sich verändert. Sie spürt Gefühle in sich aufsteigen, die sind verboten! Weg, weg, weg damit. Doch, da drüben, eine Frau mit einem runden Bauch, wie um ihr Kind festzuhalten, hat die beim Laufen die rechte Hand unterm Bauchnabel. Blues legt ihre Hand auch dahin…weg, weg. Hier, vor ihr, Vater, Mutter, Kinderwagen. Ja, mein Gott, ist denn die ganze Welt voll mit diesem Kinderkram? Alles muss jetzt ganz schnell gehen, lange hält sie das nicht aus, sie braucht einen Plan! Geld besorgen, Beratungstermin, eine Freundin soll mitfahren nach Wiesbaden. Wen will sie dabei haben? Vielleicht Violet? Die versteht, wie schwer die Welt sein kann, die kann auch mal den Mund halten, wenn es nötig ist. Blues hat überhaupt keinen Bock, das zu erzählen. Die Bestürzung der Mädels… wenn sie sich das vorstellt muss sie schon fast heulen, aber bestimmt nicht hier auf der Straße, die Passanten, die wissen doch, dass sie schwanger ist.
Sie fährt im Kaufhaus die Rolltreppe hoch, sie will noch was besorgen. Da ist die Kinderabteilung, die Kleidchen, die da hängen, wie niedlich, ist das wohl ein Mädchen in ihrem Bauch? Ein kleines Mädchen, dass durch die Welt stolpert in so einem altrosa Kleidchen?  Auf dem Weg raus holt sie sich noch einen Tabak, da drüben ist die Schreibwarenabteilung. Schultüten. Blues sieht ihr kleines Mädchen damit, tollpatschig im Umgang mit der großen Tüte, dahinter ihre Mädelsclique, alle ganz ordentlich gekleidet, erkenntlich an den bunten Haaren, aber alle ganz aufgeräumt zur Einschulung, der kleinen Maus, die sie gemeinsam aufziehen. Oh Gott, schnell weg, raus aus dem Laden, raus aus der Welt, verstecken, solche Gedanken darf sie nicht denken!
Am Abend, in Biondas Wohnzimmer stellt sich heraus, dass Bionda und Violet so was schon mal hinter sich gebracht haben. Roth hält den Mund und macht mal keine Witze, soviel Mitgefühl hätte Blues ihr gar nicht zugetraut. Also Violet fährt mit, das ist schon mal geklärt. Sie wollen was trinken gehen. Gute Idee, wenn Blues sich jetzt volllaufen lässt. Sie muss sich dem Kind gegenüber feindlich verhalten. Beim Bier beschreiben ihr Bionda und Violet, wie sie sich beim Beratungstermin verhalten soll. „Du darfst die keinesfalls merken lassen, dass Du Zweifel hast. Wenn die Zweifel nur riechen, schnappen die zu wie ein Köter und lassen nicht mehr los!“
Roth geht mit zum Beratungstermin. Sie wartet draußen. Blues sitzt der freundlichen Frau gegenüber und ist einfach nur dicht, zu, undurchdringlich. Sie beharrt darauf, dass sie nicht bereit ist, für ein Kind. Nach zwanzig Minuten lässt die Frau es darauf beruhen, fragt nicht mehr weiter, sondern stempelt den Schein. Blues könnte sich freuen, Etappenziel erreicht, aber sie ist eher benommen, als ihr Roth im Wartezimmer den Arm um die Schulter legt und sie zum Ausgang schiebt. Auf dem Weg nach Hause fragt Roth die Frage der Fragen: „Wie konnte das eigentlich passieren, verhütest du nicht ordentlich?“ Also doch nicht so sensibel, die Alte. Blues ist nicht in der Stimmung ihre Verhütungsstrategien darzulegen. „Hör zu, du dusselige Kuh, das ist im Moment die falsche Frage!“ Roth erzählt von einem Bericht im Fernsehen, dort hieß es, alle Frauen, die jemals abgetrieben haben, bekämen später eine Depression. „Sag mal, du spinnst doch, was interessiert mich jetzt die Depression, die ich in zwanzig Jahren bekomme und außerdem, wer sagt das?“ Roth erwidert, sie habe irgendwann mal Monitor geguckt, Franz Alt, der Moderator habe das gesagt, nach einem Bericht über den unterschiedlichen Umgang der Bundesländer, mit Schwangerschaftsabbruch. „Bleib mir weg mit diesem Pastor! Ein Mann! Was weiß ein Mann über Abtreibungen! Roth! Du bist echt zu blöd!“

Sie hat das alles in Windeseile hinter sich gebracht. Rekordverdächtig! Der Fötus war kaum sieben Wochen alt, als er dann aus ihr raus war. Sie sind schon auf dem Rückweg. Violet steuert das Auto, das sie sich von Biondas Bruder geliehen haben. Blues sitzt auf dem Beifahrersitz und schaut sich ganz aufmerksam den Abendhimmel an. Sie ist eine ganz schlechte Beifahrerin, sie sollte auf keinen Fall hingucken. Aber die Augen zu machen kann sie auch nicht, dann sieht sie wieder das große Einweckglas, das da seitlich stand, darin schwamm ihr abgesaugtes Mädchen. Sie wollte das nicht sehen. Aber sie ist selbst schuld, egal, wo sie ist, sie hat die Augen immer weit offen. Sie hätte auch so einen starren Blick haben sollen, wie das Personal da. Im Wartezimmer lag ein Zettel aus, „ das Personal unterstützt Schwangerschaftsabbruch“ und ist sowieso ganz auf ihrer Seite. Das Personal war starr und leblos wie Holzpuppen. Alles war nur sachlich, nichts sonst. Blues bekam von der Sprechstundenhilfe die sachliche Erlaubnis zu trauern. Was passiert mit dem Wesen im Einweckglas, wird das jetzt zu Gesichtscreme gemacht? So erzählen es die Leute. Die Sonne. Die Sonne scheint ihr warm ins Gesicht. Hinter den Lidern ist es hellrot. Blues betrachtet das rot, hellrot, da sind noch türkisene Blitze, die sind auch schön. Orangerot mit türkisenen Blitzen. Das will sie sich merken. Das Bild vom Einweckglas soll überdeckt werden, von Orange und Türkis. So soll es sein und jetzt ist das Kapitel abgeschlossen! Sie will nicht mehr zurückschauen!

Freitag, 6. Februar 2015

IG Farben Trockenzeit


Es ist jetzt der dritte Tag ohne Alkohol. Alles ist völlig normal, nur das Feiern klappt halt nicht so gut. Dafür ist ihr Zimmer aufgeräumt, alle Bücher für das Seminar gelesen, was noch? Sie hat soviel Zeit! Morgens springt sie energiegeladen aus dem Bett, könnte Bäume ausreißen, aber keiner ist wach, der das mit ihr zusammen macht. Sie kann mit sich nichts anfangen, sie hat keine Hobbies, nichts wofür sie sich interessiert. Sie könnte spazieren gehen, das hat sie gestern früh gemacht, das war ganz lustig: sie lief ziellos durch die Straßen. Eigentlich ganz schön, die Sonne schien silbrig, die Temperatur war angenehm, nur ihre Ziellosigkeit war störend. Immer stärker bekam sie das Gefühl, das etwas  anders ist als sonst. Suchend schaute sie sich um. Leichte Verwirrung, da ist etwas deutlich anders, aber sie konnte es nicht ausmachen. Sie bog um eine Ecke und die Sonne blendete sie. Ok, ja, die Sonne steht im Osten, sehr verwirrend, das kennt sie nicht. Seit einer gefühlten Ewigkeit ist sie nicht mehr vormittags aufgestanden oder aus dem Haus gegangen. Ganz neu: die Sonne geht im Osten auf.
Ja ja, so war das, aber was nun? Sie sitzt hier am Schreibtisch. Nichts zu tun. Sie geht zum Spiegel und betrachtet sich. Alles bekannt und auch nicht sonderlich erbaulich, sie will jetzt nicht anfangen mit ihren Äußerlichkeiten, also weiter zum Fenster. Da ist aber auch nicht viel zu sehen. Der Dachfirst gegenüber, ein Stück Himmel, einige Wolken werden vom Wind getrieben und verändern im Vorbeiziehen ihre Form. Das wirkt lebendig, immerhin lebendiger als ihr Leben. Sie fühlt sich wie Rilkes Panther. Oder wie ein Gepard im Zoo. Der Weg : Schreibtisch-Spiegel-Fenster-Schreibtisch. Ihr erscheint er wie ein ausgetretener Pfad. Aber nein, sie ist ja nicht eingesperrt in diesem Zimmer. Aber sie fühlt sich eingesperrt in ihrem Leben. Sie möchte ausbrechen, aus sich. Aber sie schafft es nicht, versucht hat sie es bestimmt schon hundertmal. Die Stille. Die Stille in ihr ist laut. Roth braucht immer Lärm um diese Stille zu übertönen. Und wenn sie angetrunken ist, dann ist sie so enthemmt, dass sie selbst auch noch viel Lärm machen kann, dann beherrscht sie die Stille. Sie ist wohl gar nicht süchtig nach Alkohol, das denkt Bionda. Roth ahnt, sie ist süchtig nach Gesellschaft, nach action. Sie will ständig mächtig bespaßt werden, damit sie ihre Verlorenheit in sich selbst nicht spüren muss. Nun beackert sie ihren Pfad, ihr Zimmerdreieck und wartet, dass die Zeit vergeht. Um Geldbeschaffung braucht sie sich jetzt auch nicht mehr zu kümmern. Vor einiger Zeit war sie mal wieder zu Hause, also in dem Kaff, wo sie herkommt. Am letzten Tag wollte ihr Vater mit ihr sprechen, das ist erwähnenswert, sie sprechen eigentlich nie miteinander. Mit einer Menge Scheine in der Hand erzählte er ihr eine Geschichte:
„Mädchen, kürzlich habe ich einen alten Bekannten getroffen. Der fragte mich: wie geht es Ihren Kindern? Ich antwortete, also, mein Ältester, der ist Ingenieur und hat eine gute Anstellung bei Esso. Mein Zweiter hat Mathematik studiert und ist jetzt als Systemanalytiker bei BMW angestellt. Mein jüngster Sohn studiert Jura und ist damit bald fertig…..    ….   Ja aber, fragt mich der Bekannte, sie haben doch auch noch eine Tochter? Ja, hmm, meine Tochter,… ich weiß nicht, was die macht, antwortete ich. Mädchen! Das ist so peinlich! Bitte, nimm das Geld und studier wieder!“
So war das. Mit einem schiefen Grinsen nahm sie das Geld und jetzt hat er auch wieder einen Dauerauftrag eingerichtet. Da Roth keine Miete bezahlt, kommt sie mit den paar Kröten, die ihr Alter locker macht ganz gut aus. Sie hat die Geschichte schon verstanden, er hat sie verleugnet. Aber sie weigert sich, das zu spüren. So, wie sie sich überhaupt weigert, irgendwas zu ihrem Vater zu spüren.
Aber da denkt sie jetzt mal gar nicht drüber nach, Kellertür bleibt zu, abgeschlossen, gesichert, verbarrikadiert, gepanzert.

 Ach ja, die Geschichte mit ihrem ersten Vollsuff hängt auch mit ihrem Vater zusammen. Sie waren im Urlaub in Österreich. Es war Sommer, die Mutter kaufte für Roth und ihren Bruder ein kleines Gummiboot. Das war der absolute Renner, eigentlich waren sie schon viel zu alt für ein Gummiboot. Nicht mal einer von beiden konnte darin sitzen ohne unter zu gehen. Roth hätte schon immer gerne so ein Gummiboot gehabt. Jedenfalls spielten sie den ganzen Tag im Wasser mit dem Gummiboot. Der Vater wollte nun auch mit Großzügigkeit  hervorkommen: er lud ein zu einem zünftigen Abend. Sie fuhren mit dem Auto auf einen Hügel, dort war ein sehr volles Lokal. Sie fanden einen Tisch und nun wollte der Vater mit ihnen feiern. Es gab Heurigen, also jungen Weißwein. Ihre Mutter trinkt grundsätzlich keinen Weißwein und Roth kann sich auch nicht erinnern, dass ihre Mutter jemals gerne mit dem Vater gefeiert hätte. Ihr Bruder wollte auch nichts trinken, Roth war verblüfft. Warum wollte ihr Bruder nicht? Der Vater wollte großzügig sein und konnte nun seine Großzügigkeit gar nicht an den Mann bringen. Also sprang Roth in die Bresche, sie hatte noch nie Weißwein getrunken, sie wusste also gar nicht, ob sie das Zeug runterkriegt, trotzdem sagte sie zum Vater: „ich trinke mit dir!“ Der Vater ließ sich darauf ein, Vater und Tochter waren eine Art Notgemeinschaft. Roth hatte große Probleme mit ihrem Vater mitzuhalten und das Zeug zu schlucken, aber sie hatte das Gefühl, dass der Frieden von ihren Schluckfähigkeiten abhängt. Irgendwann hatte ihr Vater genug und sie wollten nach Hause. Roth übersah die Situation überhaupt nicht mehr. Sie wurde angewiesen sitzen zu bleiben, ihr Bruder und die Mutter wollten zuerst den Vater zum Auto bringen und dann Roth abholen. Das hatte Roth aber ganz schnell vergessen und rannte den anderen hinterher. Raus aus dem Lokal, dann eine Holztreppe hinunter, hier war sie sehr vorsichtig, dann kam ein abschüssiger Vorhof, der mit Kieselsteinen ausgelegt war. Am Ende des Hofes standen die Autos und dort erspähte sie auch ihre Familie. Also rannte sie. Dann stolperte sie. Liegend rief sie nach ihren Leuten. Ihre Mutter sammelte sie ein, schimpfend, dass sie nicht im Lokal gewartet hatte. Im Auto betrachtete Roth ihre Hände, mit denen sie ihren Sturz gebremst hatte. Blut lief in langen Rinnsalen herunter, in ihren Handflächen steckten etliche Kieselsteine. Roth sah eine schwere Verletzung, aber sie spürte überhaupt keinen Schmerz. Ihre Mutter verband ihr ihre beiden Hände später notdürftig. Ein Glück war das Wetter nicht mehr so toll, sie hätte nicht mehr baden können. Noch lange Zeit konnte sie die Narben ihres ersten Vollsuffs an ihren Händen betrachten. Besoffen war sie später oft, aber nie wieder ihrem Vater zuliebe. Überhaupt erinnert sie sich eigentlich gar nicht, sonst jemals irgendetwas ihrem Vater zuliebe gemacht  zu haben.